Nichts Neues in Ingolstadt

Man fährt raus aus der schönen ingolstädter Innenstadt, immer den grauen Schildern mit dem roten Markenlogo nach, an den konzentrierten Vegetierstätten der unteren Mittelschicht entlang („Es ist nicht charmant, Schatz, aber sehr sauber, und wer hat heutzutage schon noch einen eigenen Parkplatz?“). Irgendwann steht an allen Bürogebäuden auf der rechten Straßenseite irgendwas mit Audi. Audi Leasing, Audi Betriebskrankenkasse, Audi Immobilien, Audi Kleinteileeinkauf, Audi Audi.
Man wälzt sich über einen großen Parkplatz und sieht sich konfrontiert mit Stahl und Glas. Stahl und Glas am Auto vor dir, Stahl und Glas am Auto neben dir, Stahl und Glas und Aluminum am Auto hinter dir, Stahl und Glas an der Fassade vor dir, Stahl und Glas an zwei weiteren Fassaden. Stand da nicht eben was von Audi Museum?
Hat man den Eingang im Keller des einzigen runden Stahl-Glas-Baus gefunden, und das eigene Gefährt abgestellt (selten deplaziert, das von Schotterwegen verstaubte Reiserad zwischen den glänzenden Autos), den Studenteneintritt im Gegenwert eines Bahnhofstoilettenbesuchs gezahlt und das dritte Stockwerk zum Start der Ausstellung erklommen, wird man vom ersten Ausstellungsstück überrascht.
Ein Fahrrad! Die Mobilitäts-Show startet mit einem herrlich antik wirkenden englischen Hochrad aus dem Jahr 1889.
Doch schon das ein Jahr später auf den Markt gebrachte
Niederrad soll der genialen Maschine Fahrrad den Siegeszug bescheren. Ein „Wanderer“-Rad aus dem Jahr 1907 rundet diesen Teil der Ausstellung ab, dessen Architektur kaum zu unterscheiden ist von heutigen Fahrradrahmen.
Ganz so ausgereift sind die anderen Modelle im Museum nicht. Ursprünglich von der Kutsche inspiriert, hält sich die Grundform des Autos trotzdem bis heute. Zwei Personen vorne, drei hinten. Man sitzt ummantelt von Unmengen von Material nebeneinander. Viel Angriffsfläche für den Fahrtwind, hohes Eigengewicht. Daran ändern die wenigen echten Innovationen in der automobilen Mobilität auch nichts: Aerodynamischere Karrosserien, Allradantrieb, Sicherheitsgurt, Klimaanlage, ABS, Direkteinspritzung, Alu-Space-Frame statt Holz- oder Stahl-Rahmen, ESP. Wenn sich am Grundprinzip sowieso nichts ändert, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das letzte ausgestellte Auto von 1993 stammt.
Den am trägen Zeitgeist gescheiterten Konzepten Spritspar-Konzepten des A2 oder Audi Duo wird kein Quadratmeter gewidmet, und Ideen zu Antrieben aus erneuerbaren Energiequellen sucht man vergebens. So sind ironischerweise die einzigen Ausstellungsstücke, die zukunftstauglich sind, über hundert Jahre alt.

Links:
Audi Museum
Spiegel-Artikel “zu viel Vorsprung” vom 9.4.2008 zum A2

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