verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

31Oct/091

Obskure Ruinengestalten

Normale Menschen stolpern unbeholfen über die kürbisgroßen Felsbrocken am Rande des Yesa-Stausees. Sie bleiben mit dem großen Zeh an Steinwällen hängen. Sie machen anstelle routinierter Schritte plötzliche Ausgleichsbewegungen und bespritzen mit diesen andere normale Menschen, die sich in den schwer nach Schwefel stinkenden, terrassenförmigen Wasserbecken im heißen Wasser sulen. Sie rutschen aus und stützen sich ab. Sie gehen stockend, sie krabbeln gebückt, sie robben auf Halbmast.

Er nicht

Nicht so der Schwingelgockel. Der Schwingelgockel verbringt sämtliche Wochenenden an den heißen Quellen und stolziert mit Geschick und Würde über noch so losen Untergrund. Kein Stein zu spitz, kein Tag zu kalt, um seine üppige Ausstattung glattrasiert zur Schau zu stellen. Eine blickdichte, gaff-freundliche Sonnenbrille auf den Augen, ein wasserdichtes Döschen mit dem Autoschlüssel um den Hals, wallende goldene Locken auf dem Kopf – sonst nichts.
Nur Haut. Zähe, braune, lederne, durchunddurchheißequellengestärkte Nudistenhaut. Er und sein Schwingel. Er, sein Schwingel und die heißen Quellen.

Kein Mülleimer

Die heißen Quellen sind ein Ort florierender Anarchie. Von der Landstraße führt eine unbeschilderte Abzweigung über eine steile Sandpiste runter zum See, die mehr Schlagloch als Weg ist. Keine Parkplatzgebühren, kein Eintritt, kein Geländer, kein Mülleimer, keine Laterne, kein Weg, keine Dusche, keine Toilette, keine Nichtschwimmerzone, kein Warnhinweis, keine Umkleidekabine.

Damals

Einst war dies eine kommerzielle Therme. Damals, bevor die Staumauer erhöht wurde und jeden Winter das Wasser alles unter sich begrub. Die heute noch erahnbaren alten Thermengebäude haben eine miserable Baus. Bei den wenigen noch intakten Mauerteilen von Bausubstanz zu sprechen, wäre hoffnungslos übertrieben.

Entspannen im Schlamm

In den 45° heißen Becken zwischen den malerischen Ruinen beherrscht Vielfalt die Szenerie. Man sonnt sich, massiert sich, knutscht, schläft, tadelt die tobenden Kinder, angelt nebenan, redet über Handyverträge oder über Automodelle. Die Verzweifelten schmieren sich mit dem lehmigen Schlick ein, vom dem man sich Verjüngung erhofft. Ganz schön irrational, wo doch alles an ihm, speziell sein Geruch, nach Verfall anmutet.

Erhaben im Dampf

Auch noch weit nach Mitternacht herrscht geschäftiges Treiben. Sektkorken fliegen, Jugendliche saufen, Männergruppen lachen, gleich- und ungleichgeschlechtliche Pärchen schmusen, Menschen kommen, andere stolpern oder trocknen sich ab.
Erhellt nicht nur der Mond, sondern auch ein Autoscheinwerfer Ruinen und Becken, gewinnt der Dampf optisch Gewicht. Vor Sternenhimmel und Mauerresten steigt er in Schwaden empor. Sein Anblick auf der Netzhaut und das heiße Wasser im Nacken hinterlassen ein Gefühl uneingeschränkter Erhabenheit.

Kommentare (1) Trackbacks (1)
  1. aber der schwingelgockel, das bist doch du?


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