Ein Wunder gegen die Schweinegrippe
Es hämmert, es scheppert, es kracht, es schwappt in meinem Schädel.
Es reißt, es zieht, es zerrt an meinem Schädel.
Es drückt in meinem Ohr.
Es kratzt in meinem Hals.
Es rasselt in meiner Lunge.
Es presst auf meine Stirn.
Ich schwitze die Decke voll, die Füße eiskalt.
Drei Tage verschwimmen. Ohne zu essen. Fieberkino. Unterbrochen durch vier Dinge:
- Nase ausrotzen.
- Tee trinken, Svenja besteht drauf.
- Umdrehen (Das Fenster wechselt scheinbar minütlich von hellgrau zu dunkelgrau zu blau zu schwarz, die Tageszeiten sind unwirklich).
- Aufs Klo schleppen, genau, der Tee.
Das Fieberkino beschert mir Bilder vom Scheitern. Bilder von Verzweiflung, Bilder von Aussichtlslosigkeit. Absurde Momentaunahmen drängen sich dazwischen. Fahrradplatten, Fettnäpfchen, Frust.
Stiere, Musikanten, Müllabfuhr
Das Wenige, was von der real world zu mir durchdringt, hängt mit der Ausrichtung des Fensters von Svenjas Zimmer zusammen. Es zeigt zur Calle de la Estafeta. Durch diese lebhafte Straße der Altstadt werden zu den San Fermines die Stiere gejagt. Während des restlichen Jahres konkurrieren die bekloppten Separatisten und ihre unermüdliche live-Baskenfolklore mit den bollernden Müllabfuhren um die unerträglichste Fiebergeräuschkulisse.
Auf Gesundheits-Odyssee
Svenja erträgt den Schlappschwanz in ihrem Bett sehr liebevoll. Irgendwann wird es aber auch ihr zuviel. Raus, zum Arzt. Die erste Anlaufstelle hat entgegen der Angabe im Internet samstags geschlossen, die zweite ist für meine Adresse nicht zuständig. Im dritten Krankenhaus werde ich mürrisch ausgefragt. Doch sobald ich die EU-Krankenkassenkarte zücke, ist man plötzlich sehr hilfsbereit. Frau Doktor empfiehlt mir, viel zu trinken, mich zu schonen und viel Vitamin C zu mir zu nehmen. Nicht Fußball, lieber Computer spielen.
Weshalb sich der Besuch trotzdem gelohnt hat, sind die Drogen. Drei-mal 600mg Paracetamol pro Tag bewirken Wunder.
November 8th, 2009 - 18:06
Straftat: liebevolles Influenza-Asyl
Strafe: Krieg
Der Körper im Ausnahmezustand. Schon seit Tagen irren die körpereigenen Streitkräfte rastlos und unorganisiert durch eigentlich bekanntes Terrain. Das zentrale Nervenheadquarter schickt schon lange nur mehr Widersprüchliches. Nase und Ohren schließen die Grenzen. Plötzlich stößt sogar die Lunge Schlachtrufe aus.
Wer wird bekämpft? Hat sich der unsichtbare Feind nach den ersten Gefechten nur zurückgezogen und heimtückisch versteckt? Verfälschte die Unterstützung aus dem Reich der Paracetamollen nur den Konflikt?
In Verwirrung und Unsicherheit besinnt sich der Organismus auf Altbewährtes – er meditiert und schlachtruft verzweifelt: „Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit, Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit, Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit, Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit, Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit, Tod allen H1 sowie N1! Es lebe die Gesundheit! ……….”
Nebenbei revangiert sich die Mitbewohnerin.