verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

9Nov/092

Zu heiß für den Zusammenhang

Fünf Stunden lang, rekonstruiere ich später, plage ich mich in unterschiedlichen Intensitäten mit einer Aufgabe. Ich organisiere eine Bergtour, für die Wanderer und Mountainbiker im Freundeskreis. Von der Idee sind alle begeistert.
Wo wird mittags gerastet? Wann? Auf welcher Höhe, an welcher Stelle? Jede für sinnvoll gehaltene Idee stößt auf einen lauten Einwand von einem potentiellen Beteiligten. Vor meinem geistigen Auge entstehen farbige Strecken, die sich überlagern wie Wattwurmhaufen. Das könnte eine Lösung sein. „Nein, du Idiot!“ Dies sieht doch gut aus. „Wie soll das denn gehen?“ Jetzt hab ich's. „Denk an uns Wanderer, du Ignorant!“ Aber jetzt. „Viel zu leicht, ich komm nicht mit!“ „Du schaffst das nicht!“ „Vorhin war's besser.“ „Warst du überhaupt schonmal in den Bergen?“ „Für ein Picknick zahl ich nicht!“ „Wehe es gibt nichts zu essen!“ „Die Südostseite ist viel schöner!“ „Ich fahr doch Mountainbike.“ „Vergiss es, du hast neulich schon alles verkackt!“
Um viertel nach vier am Nachmittag entlässt mich der Tag schweißgebadet aus einer langen Fiebernacht.

Verschollene Becher

Einen Wasserkocher gibt es in der sonst großzügig möblierten Wohnung nicht. Eine Thermoskanne auch nicht. Flohmärkte habe ich noch keine entdeckt.
Teekochen also auf dem Herd. Nach zwei bis drei gemächlich getrunkenen Bechern ist der Topf kalt. Bei 850 Watt braucht ein Becher Tee in der Mikrowelle nur anderthalb Minuten zum Heißwerden. Ein Wunder der Technik.
Ich schluffe in die Küche und suche meinen Becher. Auf dem Tisch nicht. Neben dem Herd nicht. Neben der Spüle nicht. Im Wohnzimmer nicht. Ich nehme gegen alle Vernunft einen frischen Becher (Steigerung der abzuwaschenden Menge), fülle mir kalten Tee ein, öffne die Mikrowelle – und finde einen heißen Tee.

Bedrohliche Häuser

Die spitzen Dachwinkel, die nassen Ziegel und die dunklen, abgenutzen Farben der Fassaden der Nachbarhäuser wirken bedrohlich. Ich setze mich aufs Sofa und schmeiß mir eine Pille ein.

Küche und Wohnzimmer strotzen vor Krümeln, Fettspritzern und Saftflecken. Ich putze fieberhaft.

Der Wind rüttelt am Haus. Der Regen klatscht ans Küchenfenster wie mein Gehirn an die Schädelwand.

Die Pille wirkt, ich bekomme drei Stunden nach dem Aufstehen abends langsam Hunger. Die Küche sieht scheiße aus.

Erholsame Bäder

Ich putze die Chinesenbadewanne. Ich schmeiße eine viertel Packung getrocknete Kamillenblüten in die Wanne, lasse eine gefühlte Ewigkeit lang heißes Wasser ein und dann mich. Die Knie am Kinn, einen Obstteller am Ohr kommt die Sonne raus. Ich fühle mich wohl wie ein Kind. Ich schäle die Orange und lasse die Schale ins Wasser plumpsen. Hurra, ich bin krank, ich darf alles. Das Schalenboot schippert sicher durchs Bermudadreieck, umkurvt gekonnt den gefährlichen Schniedeleisberg und legt hinter dem herrlichen Blick aufs Kniegebirge im Überlaufschutz-Tiefwannenhafen an.
Acht von zehn köstlichen Orangenstücken verspiesen, piekst etwas meinen rechten Arm. Nichts zu erkennen. Es piekst meinen linken Arm und meine Brust. Es brennt wie ganz früher die Sonnenallergie im Skiurlaub. Das ist ein Scherz – Mein Körper rebelliert gegen Bioorangenschalenboote.

Dreckige Socken

In meinem Zimmer türmen sich aggressive Gegenstände. Das Fahrrad mit dem brachialen Viergelenker-Hinterbau und den rauhen Matschkrusten nimmt den dominantesten Platz ein in der Loge der Unfriedenstifter. Neben ihm der ungeordnete Zettelstapel mit den fiesen Kanten, der Mülleimer mit den anarchistisch überquillenden benutzten Taschentüchern, die knittrigen Landkarten und die dunkle, vom Fußboden aus die Weltherrschaft planende dreckige Wäsche.

Reißende Fluten

Ich mache einen Spaziergang. Der Park in der Nähe bietet den Blick auf ein Tal feil. Im Tal ein Fluss. Ein gigantischer Strom. Ein reißendes braunes grollendes treibgutverteilendes Ungeheuer.

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. moritz, leider man kann es nie allen recht machen………….auch wenn es ein nobler ansatz ist……..er ist zum scheitern verurteilt………wir sind eben menschen…….und noch nicht normiert

  2. übrigens……….gute besserung oder weiterhin gutes gesundbleiben


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