verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

13Jan/104

Ich kaufe, also gestalte ich

Das vorherrschende Prinzip unserer fortgeschrittenen Gesellschaftsordnung lautet Arbeitsteilung.

Vom Bauern zum Agrarunternehmer

Ein Bauer ernährt nicht mehr nur seine Familie, sondern dutzende Personen. Die Grundlage seiner Arbeit sind nicht mehr Photosynthese und Wetter, sondern Maschinen. Statt es selbst zu produzieren, kauft er Futter und Saatgut. Doch nicht nur der Agrarunternehmer unterscheidet sich in seinen Strukturen und Arbeitsabläufen grundlegend von dem, was man landläufig für einen traditionellen Bauern hält.

Verteilte Verantwortung

Jeder Arbeitende in sämtlichen Branchen erfüllt seinen Teil der Produktionskette. Einen immer kleiner werdenden Teil. Diese Spezialisierung birgt einen Verlust von Übersicht. Komplexität ist das Stichwort, das allerorts ermüdend diskutiert wird.
Das Gegenstück zu dieser Spezialisierung sind Konsumprodukte, die aus so vielen Teilen bestehen, die an so vielen verschiedenen Orten produziert werden, dass sich die wenigsten Verkäufer noch mit ihren Produkten auskennen.

Das Portemonnaie als Mittelsmann

Doch dieser Artikel hat nicht den Wirtschaftskreislauf zum Thema, sondern Ethik. Dass man sich gegenüber den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung moralisch einwandfrei verhalten sollte, leuchtet ein. Doch in einer Welt, wo wir unaufhörlich die Verantwortung für die uns umgebenden Dinge an andere abgeben, weil wir nicht selbst produzieren, sondern nur konsumieren, muss sich die Ethik auf das Kaufverhalten ausdehnen! Die Ethik muss die Grenze des unmittelbaren eigenen Verhaltens überschreiten und auch dort berücksichtigt werden, wo wir nicht mehr persönlich, sondern über unser Portemonnaie als Mittelsmann mit den Dingen verbunden sind!
Unsere Kaufentscheidungen brauchen eine vierte Dimension.

Die vierte Dimension der Kaufentscheidung

Neben Preis, Qualität und Image eines Produkts müssen ethische Beweggründe in jede Kaufentscheidung einfließen!
Jemand hat ein Produkt für mich hergestellt, das ich kaufe. Ich bin indirekt verantwortlich für dieses Produkt. Indirekt, weil ich nicht selbst produziere, sondern jemanden bezahle, der für mich produziert. Wer ist dieser jemand, den ich bezahle? Was macht der sonst? Wäre ich der Produzent, könnte ich dann ethisch alles vertreten, was der tut?

Werte und Zukunft

Das ist die vierte Dimension der Kaufentscheidung. Die zwingend notwendige Anwendung der Ethik aufs Kaufverhalten. Von jedem Teilnehmer einer Gesellschaft mit Arbeitsteilung sollte sie berücksichtigt werden, sofern er oder sie ein Interesse an der Zukunft hat, sofern er für sich beansprucht, an Werte zu glauben.

Kommentare (4) Trackbacks (0)
  1. Ich habe mich lange gesperrt, diese vierte Dimension wahrzunehmen. Und du hast dir lange deine Zähne an mir ausgebissen (daher auch wahrscheinlich dieser vernichtende Kommentar deines Zahnarztes…).
    Aber ganz ehrlich, ein bisschen ist es jetzt schon angekommen bei mir. Ehrlich.
    Und das bereichert mich. Und das freut mich.

  2. OK, ab sofort keine Gänsestopfleber mehr! Damit befinden wir uns noch voll auf dem ökologisch korrekten Mainstream. Und das Billy-Regal? Nachdem IKEA die (rentable!) Produktion in Ostdeutschland eingestellt, hunderte Mitarbeiter entlassen hat und nun noch billiger in Tschechien produziert? Oder wir kaufen jetzt OPEL Autos, damit GM die Fabrik in Rüsselsheim nicht schließen muss. Oder wir boykottieren SHELL weil die ihre alte Bohrplattform im Meer versenken wollten anstatt an Land abzuwracken. – Solche und ähnliche Verbraucher-Kampagnen waren ein Schwerpunkt der Greenpeace- und WWF-Aktivisten der Neunziger. Die Erfolge wie auch die Auswüchse zeigen die Möglichkeiten und die Macht des aufgeklärten oder auch irregeleiteten Verbrauchers.
    Und was ist mit der fünften Dimension, der Ethik des VER-Kaufens? Sollte nicht auch der Bauer ethisch überlegen, an wen er seine mit Schweiß und Liebe hergestellte Milch verkauft? Der Kochladen sein Messer nur an Kunden, die versprechen, damit niemandem zu schaden? Doofes Beispiel? Düngemittel nicht an Islamisten (wie die „Sauerlandgruppe“), Präzisionsröhren nicht an den Iran, Stricke nicht an den Henker, Benzin nur an ökologisch korrekte 3-Liter Autos?
    Wieweit tragen wir mit unserer Kauf- und Verkaufsentscheidung auch Verantwortung für das Handeln anderer Menschen? Welches Recht haben wir, über deren Verhalten unsere Maßstäbe anzulegen? Und ist, was wir für ethisch halten das auch für andere Menschen so? Lässt sich das Gute objektiv feststellen oder gar messen?
    Kaufen und Verkaufen ist offensichtlich mehr als der Austausch von Geld gegen Leistung. Das vergisst man leicht im Gewühl des „Geiz ist geil“ Kaufrauschs.

  3. Und was ist mit der fünften Dimension, der Ethik des VER-Kaufens?

    Das Verkaufen ist keine Dimension der Kaufentscheidung, das vorweg. Aber es ist sehrwohl einen Gedanken wert.
    Als selbstständig wirtschaftender, wie Bauern es tun, kann man sich seine Kunden häufig nicht aussuchen. Es widerspricht auch der Logik und den Regeln des Marktes, dass ein Anbieter aufgrund möglichen Missbrauchs seine Produkte nicht verkauft.
    Ein Anbieter verkauft seine Produkte gegen Geld. Aus ethischer Sicht muss er dafür sorgen, dass die Produkte seinen eigenen Maßstäben entsprechen. Aus wirtschaftlicher Sicht muss er dafür sorgen, dass sein Geschäft rentabel ist. Und in dieser Rentabilitäts-Hinsicht ist die Auswahl der Kunden, vor Allem im Endkundengeschäft, unrealistisch.
    Das Beispiel der Milch ist ein treffendes: Außer im Direktmarketing, was nur für Bauern in dicht besiedelten Gebieten eine Chance ist, müssen sich die Bauern auf ihre lokalen Molkereien verlassen. Diese können, von einem Oligopol aus Supermärkten geknebelt, keine fairen Preise heraushandeln.

    Wieweit tragen wir mit unserer Kauf- und Verkaufsentscheidung auch Verantwortung für das Handeln anderer Menschen?

    Reicht es nicht, erstmal der eigenen Verantwortung nachzukommen? Unserer eigenen Verantwortung, solche Produkte zu kaufen, die ethisch vertretbar sind, also die Menschen, die dieses Produkt fabriziert haben, menschenwürdig behandeln.

  4. Johannes, ich möchte einen wichtigen Aspekt von dir aufgreifen.
    “Solche und ähnliche…”
    Hast du da nicht bei Robert Gerhardt abgeschrieben???


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