Ey Paul, deine Vision ist keine!
Es ist das Schicksal vieler visionärer Ideen, dass lange kaum jemand an sie glaubt.
Lässt Paul van Son verlauten, Chef von Desertec, dem Mega-Solarstrom-Projekt, das in Nordafrika mit gigantischen Anlagen Strom für Europa produzieren will.
Und verschweigt dabei, dass vieles am Desertec-Konzept weit entfernt ist von den Visionen, die die erneuerbare Energie so reizvoll machen.
Keine Frage - zentrale Energieversorgung mit importiertem Solarstrom ist ein geringeres Übel als zentrale Energieversorgung aus importierten fossilen Energiequellen.
Aber all die zusätzlichen Probleme, die neben dem geringeren Schadstoffausstoß durch eine Umstellung auf erneuerbare Energien gelöst werden könnten, bleiben bei Desertec unangetastet:
Die Abkehr vom Oligopol weniger mächtiger Stromkonzerne. Wegen nicht mehr benötigter Energielieferungen eine weit geringere Abhängigkeit von Ländern, die gelinde ausgedrückt ein anderes Demokratieverständnis haben. Daraus könnte ein authentischerer Standpunkt Europas beim Einfordern der Menschenrechte folgen. Demokratischere Strukturen durch viele kleine Erzeuger-Genossenschaften statt weniger großer Anlagen. Schließlich die höhere Energieeffizienz durch Erzeugung der Energie dort, wo sie verbraucht wird.
February 22nd, 2010 - 01:18
Ein Punkt geht in deinem Gedankengang verloren, wie diese Diskussion in den Medien leider auch verloren gegangen ist. Du schreibst sogar über “importierte[n] Solarstrom“, als ob er von autarken Verhandlungspartnern stammen würde.
Ich bekam Wind von diesem Projekt im Norden Afrikas vor längerer Zeit. Links liegen gelassen hätte ich es, als Vision abgetan, jedoch hellhörig wurde ich als ich las, dass der Club of Rome sich maßgeblich dafür ausgesprochen hatte. Daneben wurde es als die Chance für Afrika als Blattmacher aufgemacht.
Interessant, dass du es aufgreifst, Moritz. Im Interview kommt diese graue Eminenz sozusagen überhaupt nicht mehr zur Sprache. Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt, dass es mit einem derartigen Rückhalt keine Vision sei, sondern als Punkt auf einer Agenda in kürze stehen würde. Hast du davon gehört, dass der Club of Rome Stellung dazu bezogen hat.
Skeptisch bin ich, nicht umsonst heißt es ja und wird als Aussage Helmut Schmidts im Zuge des Wahlkampfes einst zugeschrieben, dass wer Vision hat einen Arzt bräuchte.
Zunächst einmal war die Rede, dass in Tunesien, Marokko oder Algerien erste Elemente hochgezogen werden würden, den Ingenieuren vor Ort es beigebracht werden würde und anschließend von Orts-ansässigen Firmen der Rest ausgebaut werden würde. Der Betrieb selbst würde dann unter die Ägide der lokalen Wirtschaft fallen.
Kein Wort fällt mehr darüber, Markus Balser hält es nicht einmal für notwendig den wohl sich-selbst-gewählten niederländischen Direktor van Son darauf hin anzusprechen. Einzig lapidar wird es mit den Worten “Sie müssen Kulturen an einen Tisch bringen, die sich lange nicht grün waren: Die christliche und die islamische, die afrikanische und die europäische, die entwickelte Welt und sich entwickelnde Länder.” angeschnitten.”
Van Son erwähnt darauf genau die Spitze “dass es nicht um modernen Kolonialismus geht” worum sich die ganze Diskussion im letzten Jahr gedreht hatte. Diskussion hin oder her – Beschwichtigung hin oder her, den mit Phrasen vermögen die meisten aufs perfide gekonnt dreschen: der bittere Beigeschmack von globalisierten Imperialismus bleibt.
Demokratischere Strukturen durch viele kleine Erzeuger-Genossenschaften statt weniger großer Anlagen.
Wie genau stellst du dir das vor? Demokratische Strukturen greifen nicht in liberaler Wirtschaft, schließlich gilt das Diktat von Angebot und Nachfrage und einem jeden staatlichen Eingriff wird aufs vehemente als Pfuscherei im Ringen um ein Gleichgewicht und deren Selbststeuerung angesehen und leider verurteilt.
Schließlich die höhere Energieeffizienz durch Erzeugung der Energie dort, wo sie verbraucht wird.
Nicht wirklich möglich ist es in meinen Augen die Erzeugung von Energie direkt in der Nachbarschaft des Verbrauchs stattfinden zulassen. Wie soll das möglich sein? Einem jedem Haus sein Windrad wäre unter Umständen ein Ansatz – wer würde dann noch das große Geld machen?
Die Abkehr vom Oligopol weniger mächtiger Stromkonzerne.
Natürlich stellen weite oder auch enge Oligopole eine Verzerrung dar, jedoch sind dem Staat die Hände bei der Wettbewerbspolitik gebunden. Hat zum Beispiel die Liberalisierung des Strommarktes hier in Deutschland um 1998 wirklich zu mehr Wettbewerb und im Zweifelsfall zu mehr kompetitiven Oligopolen geführt?
Wie glaubst du wird dieses Projekt weiterverfolgt werden? Wird es unter den Tisch oder bestaunt auf dem Tisch landen?
Dran bleiben werde ich mal, mögen meine Gedanken über die Auslagerung der Energiegewinnung im Zeichen ausgeklügelter Globalisierung noch nicht ganz sauber zu gefeilt sein.
February 22nd, 2010 - 01:44
Ging rasch noch des Browsers History durch…
Dossier: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/desertec108.html
Kommentar, Desertec ist eine Chance für Afrika, Esther Saoub:
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/desertec114.html
February 23rd, 2010 - 17:24
Wenn der Chef eines solchen Megaprojekts mitteilt, “dass es nicht um modernen Kolonialismus geht”, dann heisst das wahrscheinlich in Wahrheit, dass es um modernen Kolonialismus geht. Genau wie der Ehemann, der seine Frau wirklich nicht zu dick findet.
Was mich grundsätzlich am Club of Rome, den alten Panikmachern, stört, ist folgendes. Je düsterer die Zukunftsvisionen, je apokalyptischer die Untergangsszenarien, desto verführerischer drängt sich eine “ich kann ja eh nichts machen”-Haltung auf. Bringt man dagegen die Missstände auf den Punkt und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, kann man pragmatischer auf eine bessere Zukunft hinarbeiten, und die Unterstützung jedes Einzelnen einfordern, also die Bürger bei ihrer persönlichen Verantwortung packen.
Das stelle ich mir nicht vor, das gibt es schon. Zum Beispiel sind in der österreichischen AAE Energy viele kleine Anlagen zusammengeführt.
Der TAZ-Artikel Genossen, zur Sonne von 2008 beschreibt, wie “in immer mehr deutschen Gemeinden Genossenschaften in dezentrale, saubere Energie [investieren] – und [sich] von den großen Stromkonzernen unabhängig [machen]”
Doch! Das macht Sinn. Je nach örtlichen Begebenheiten sollte man sich z.B. im Mittelmeerraum Photovoltaik aufs Dach stellen, in Österreichischen Dörfern ein Biomasse-Blockheiz-Kraftwerk mit lokalen Holz- und Landwirtschaftsabfällen füttern, in Norddeutschland den Wind anzapfen (aber so weit weg von den Siedlungen, dass man kein Rauschen hört und dass die Schatten der Rotoren keine Fenster treffen), und so weiter.
Wer dann noch das grosse Geld machen wird? Steve Jobs, Michael Jacksons Erben und Karl Albrecht.
February 23rd, 2010 - 22:35
[...] Genau wie der Ehemann, der seine Frau wirklich nicht zu dick findet.
So leicht ist es dann leider auch wieder nicht.
Was mich grundsätzlich am Club of Rome, den alten Panikmachern, stört, ist folgendes. Je düsterer die Zukunftsvisionen, je apokalyptischer die Untergangsszenarien, desto verführerischer drängt sich eine “ich kann ja eh nichts machen”-Haltung auf. [...]
Hmm? Ich kann dir nicht folgen, der Club of Rome skizziert hier nichts. Ich sehe sogar etwas Positives darin dass diese “alten Panikmacher” genau dieses Projekt indirekt fördern mit was für Zielen auch immer und sich dafür aussprechen! Vielleicht haben wir aneinander geredet. Es sorgt für Furore und auch für ein Forum rundherum um das Projekt Desertec.
Mir persönlich drängt sich solch eine Haltung nicht auf, bisweilen sehe ich nun einmal einige Dinge kritischer! Kritischer als du und ja, bisweilen bin ich ein Pessimist.
Demokratischere Strukturen durch viele kleine Erzeuger-Genossenschaften statt weniger großer Anlagen.
Das stelle ich mir nicht vor, das gibt es schon. [...]
Du hast meine Frage aus ihrem Zusammenhang gerissen, es ging dabei nicht per se um die Erzeuger-Genossenschaften, sondern eigentlich um demokratische Strukturen in der Wirtschaft. Denn wenn du weiter ließt geht es schließlich darum, oder?
Wie genau stellst du dir das vor? Demokratische Strukturen greifen nicht in liberaler Wirtschaft, schließlich gilt das Diktat von Angebot und Nachfrage…
Nicht wirklich möglich ist es in meinen Augen die Erzeugung von Energie direkt in der Nachbarschaft des Verbrauchs stattfinden zulassen. Wie soll das möglich sein? [...] wer würde dann noch das große Geld machen?
Doch! Das macht Sinn. [...]
Über Sinn und Unsinn habe ich nicht geurteilt. Ich finde sehr wohl, dass es einen Sinn ergäbe lokal am Ort des Verbrauchs Energie bis zu einem gewissen Grad zu produzieren – nur halte ich es für nicht möglich. Weder in der heutigen Gesellschaft noch mit der heutigen Wirtschaft ist es möglich, denn auf das große Geld kommt es nun einmal darauf an.
Dir wie mir missfällt es, jedoch kann ein solche Unternehmung ohne ein Umdenken in den Reihen der Menschen und eine starke, finanziel-potente Vertretung bestehen. Zum Beispiel: Woher kommen den die Spenden für die Leeren Wahlkassen der Parteien, die die Politik machen.
Steve Jobs, Michael Jacksons Erben und Karl Albrecht.
Mit Sarkasmus kommen wir nicht weit, glaube mir…
Bitte Zerreiße meine Aussagen nicht derartig und stelle sie derart wohlfein gegen deinen Idealismus an den Pranger. Ich dachte wir wären auf einer Seite, ich sehe einige Sachverhalte nun einmal kritischer und es fehlt mir leider dein Idealismus – ausgetrieben hat man ihn mir gehörig!
Mit der Bitte um Publikation bleibe ich zurück und mag nicht so recht verstehen…
February 23rd, 2010 - 22:39
Steve Jobs, Michael Jacksons Erben und Karl Albrecht.
Mit Sarkasmus kommen wir nicht weit, glaube mir…
Verflucht da habe ich nun selbst gerissen im letzten Zitat…
Dennoch Mo kann ich diesen leichteren Angriff nicht so nachvollziehen und pariere…