Prinzip Erasmushausparty
Eigentlich ist die Erasmus-Haus-Party vergleichbar mit jeder beliebigen häuslichen Studentenzusammenkunft. Allen voran Ziel und Zweck, kollektive Berauschung und Hemmnisverlust, sind ident. Die Organisationsstruktur besteht hier wie dort aus einem sich wiederholenden Muster, das beim bemitleidenswerten Individuum anfängt, das die Räumlichkeiten seiner Behausung zur Verfügung stellt.
Viernes, 21:00, Calle Esquiroz
Als nächter Schritt wird über Handykurznachricht, soziale Internetgemeinschaft und per direktem Kontakt die Herde über Zeit und Ort in Kenntnis gesetzt. Obwohl die Herde schon im Vorhinein weiß, wann sie sich zur Erasmushausparty begeben wird, und dass dieser Zeitpunkt in der Regel außerhalb der Ladenöffnungszeiten liegt, werden keine Vorkehrungen getroffen. Man geht mit leeren Händen aus dem Haus und hofft inbrünstig, einem China-Laden über den Weg zu laufen, der schlechten Wein für gutes Geld verkauft und wässriges Bier in 1L-Flaschen. Je nach Lust und Laune wird alternativ zu diesen, zum Standardprogramm gehörenden, alkoholischen Flüssigkeiten auch ein zucker- oder zuckerersatzstoffhaltiges Erfrischungsgetränk erworben. Dies wird später verwendet, um hochprozentige Alkoholika zu konsumieren, ohne hochprozentige Alkoholika zu schmecken.
"Quielles Bolsa?"
Die Gefäße für genannte Flüssigkeiten bestehen aus Einwegglas (Bier, Wein und Schnaps), Aluminium (Bier) oder aus PET-Kunststoff (Erfrischungsgetränke). Nach dem Bezahlen werden die Flaschen vom freundlichen Verkäufer, während er unter großen Mühen ein paar Worte spanesisch murmelt, für gewöhnlich in eine oder mehrere PE-Plastiktüten gewickelt.
Zwischen Hoffnung und Vorfreude
Mit diesen Plastiktüten geht man schließlich forschen Schrittes, in der verzweifelten Hoffnung, dass die dünnen Plastiktütenhenkel nicht reißen, zur Erasmushausparty, klingelt, hofft beim Warten auf das Surren des Türöffners, dass die Henkel nicht reißen, tritt ein, ruft den Fahrstuhl, hofft, dass die Henkel nicht reißen, fährt in den siebten Stock (Erasmushausparties finden in Pamplona seltsamerweise immer im dritten oder im siebten Stock statt), stolpert dem Herdenlärm folgend aus dem Fahrstuhl, hofft, dass die Henkel nicht reißen, geht in die Wohnung des bemitleidenswerten Gastgeber-Individuums, und stellt, von vielmündigen "Hola"-Rufen behindert, erleichtert die Plastiktüten auf den Tisch im Wohnzimmer.
Endlich! Die Herde! In gleißendem Licht
Dort sitzt in gleißendem Neonlicht ein Teil der Herde beisammen, bestückt mit allem, was der Haushalt so hergibt: Gläsern, Tassen, Bechern und Kännchen, und fängt schon mal an, sich die Kante zu geben. Wie Förster sitzen die stärkeren Erasmusstudenten auf ihrem Sofa-Hochsitz, während die schüchterneren wie Rehkitze auf dem Boden lümmeln, auf Augenhöhe mit dem Wald aus Einwegglas, Aluminium, PET-Kunststoff und PE-Plastik.
Entstammt der eintreffende Erasmusstudent der nördlichen Hemisphäre, belässt er es nach dem Tütenabstellen bei einem "Hola, todo el mundo!" und einem verlegenen Winken in die Runde. Eintreffende Erasmusstudenten der südlichen Hemisphäre wagen den Bein-Hindernis-Parcours und begrüßen jeden Einzelnen mit Küsschen, auch die Rehkitze. Die Italiener sind beim Begrüßen besonders gefährlich, denn sie wollen als einzige zuerst auf die linke, und dann erst auf die rechte Wange geküsst werden.
*Plärr Plärr* I
An normalen Erasmushauspartyabenden werden die Sinne nicht nur vom gleißenden Neonlicht der einzigen Deckenlampe betört, sondern auch vom Chartmusik-Geplärre aus hoffnungslos überforderten Notebook-Lautsprechern.
Doch kaum hat sich der eine oder andere Gast, der sich selbst für niveauvoll hält, über sich selbst gewundert - Früher ging einem der hundertfünfzigtausendste Remix der Seven Nation Army viel schneller auf die Eier - klingelt schon der erste Nachbar und droht mit der Bestellung der Ordnungshüter.
Die alte Ordnungshüter-Leier
Genau wie jede beliebige häusliche Studentenzusammenkunft wird die Erasmushausparty schließlich entweder plötzlich vom Eintreffen ebendieser Ordnungshüter beendet, oder zäh vom Zurneigegehen der Flüssigkeitsvorräte.
Keiner oder alle
Es lassen sich jedoch auch Partikularitäten der Erasmushausparty ausfindig machen. Die Zusammensetzung der Gäste beispielsweise lässt sich vom bemitleidenswerten Gastgeberindividuum kaum beeinflussen. Da ein Großteil der Herde eine lose Bindung zu ihr hat, und kein Grüppchen wirklich eingeschworen ist, heißt es: Keiner oder alle. Ich mit mir oder alle bei mir. Zwischen vier und vierzig Gästen klafft die Lücke des Unmöglichen. Entweder, oder.
*Plärr Plärr* II
Findet man bei gewöhnlichen häuslichen Studentenzusammenkünften dann und wann auch individuelle Wohnungseinrichtungen mit Flair, sensibel-intime Beleuchtungskonzepte oder geschmackvolle Musik aus vollmundigen Lautsprechern, so ist dies bei der Erasmushausparty, mangels liebevoller Gestaltungs-Hingabe ob der der kurzen Verweildauer in den Räumlichkeiten, kategorisch ausgeschlossen.
Ein weiterer Unterschied ist, dass sich in der Fremdsprache die linguistischen Gesetzmäßigkeiten umkehren. Mit zunehmendem Pegel spricht die Herde nicht, wie gewöhnlich, undeutlicher und zusammenhangslos, sondern immer fließender.
Der internationale Mob wird nicht nur beim Sprechen selbstbewusster. Er übernimmt mit der Zuverlässigkeit einer Atomuhr irgendwann die Regie über den Plärr-Laptop und es setzt sich eine akkustische youtube-Kollage durch: Mit dem Schlimmsten der neunziger, nuller und von heute.
Erasmus: Es lebe die Toleranz!
March 17th, 2010 - 22:12
Wunderbar.
Herrlich.
Eine beglückende Lektüre.
(So schlimm ist es ja gar nicht, älter zu werden).