Quietsch-Knarz
Die Karwoche in Südspanien. Die angsterregenden Kapuzenträger, die prunkvollen Marien- und Jesus-Throne, die zehntausend Menschen, die für die Prozessionen der Semana Santa auf die Straße gehen. Das sind die Bilder, die in Reiseführern und Nachrichten kolportiert werden.
Zwischen Weihrauch und Weingummi
Wenn man ein paar Tage vor Ort ist, fällt einem mehr auf. Zum Beispiel, dass die penetranten Weihrauchschwaden und die theatralische Büßermusik der Corps überhaupt nicht zu den Ständen passen, die am Straßenrand fröhlich und voll kommerziellen Eifers Knabberzeug, Softdrinks, Eis und Frittiertes verkaufen.
Oder Schaulustige, die sich in Stuhlreihen sitzend oder neben Stuhlreihen stehend laut unterhalten, wie es in Spanien so üblich ist. Man hat auch viel Zeit, sich zu unterhalten, denn die Prozessionen kommen in trägen Schüben. Jede Kirchengemeinde hat einen eigenen Thron, eine eigene Blaskapelle und eine Vielzahl von uniformierten Kerzen- oder Wimpelträgern, die vor oder hinter dem Thron im Gleichschritt marschieren. Theoretisch. Tatsächlich wird jede Gelegenheit genutzt, sich mit Umstehenden zu unterhalten, sich am Sack zu kratzen oder Albernheiten anzustellen, denn ein großer Teil der Prozessierenden ist minderjährig.
Solche Gelegenheiten bieten sich reichlich, denn alle paar Minuten wird der tonnenschwere Thron mit Rücksicht auf die dutzenden Träger abgesetzt.
Live und direkt von der Semmaaaaanah Saaann-Ta
Audio: Ehrfurcht, als der Thron einer Prozession vorbeizieht
Audio: Mit vollem Bauch zwischen Camper-Bläsern
Audio: Mit Pipas und Trompeten
Am Ende bleibt Wachs
Ist das tagelange Spektakel irgendwann vorüber, sind die unzähligen Nuss- und Kern-Schalen aufgefegt, sind die Plastikbecher eingesammelt, zeugen abertausende kleiner Wachsflecken auf der Straße vom Verlauf der Route. Dieses Wachs wird nach und nach von Autoreifen und Schuhsohlen über die ganze Stadt verteilt.
Obwohl dieser Wachsfilm kaum sichtbar ist, vernimmt man ihn deutlich. Mit den Ohren. Die akkustischen Eigenschaften von Asphalt, Beton und Kopfsteinpflaster aller Art vereinigen sich zu einem aufdringlichen Quietschen. Je nach Gewicht des Verkehrsteilnehmers und je nach Einfluss der Fliehkräfte reicht dieses Geräusch von dem "Quatsch-Quatsch" eines gehenden Fußgängers über das "Dschoaarf" eines bremsenden Mopeds über das "Quiiiietsch" eines einparkenden Autos bis hin zum "Kraaaiiiiiiiiiiiiiiiisch" eines bremsenden Lieferwagens.
Links
- Das Mofoto-Album zu den entspannten Tagen in Cádiz: ¿Qué tal, picha?
- Zur weiteren Illustration: Der Fotostream Semana santa de Cadiz y su provincia auf flickr