Offene Menschen: Yulian
"Nee, das lohnt sich, dann kommst du ein Stückchen weiter, und die Tanke ist wirklich sehr belebt, richtig viele LKW und so!"
Das Mädchen mit dem bunt bemalten Bus gehört zur zweiten Sorte Feind. Der erste Feind des Anhalters ist der, der es böse mit einem meint. Diese Sorte Feind ist sehr selten.
Der zweite Feind des Anhalters ist der, der es gut mit einem meint. Zu gut. Der seine Hilfe anbietet, obwohl sie nicht hilfreich ist. Der den Anhalter ein kurzes Stück mitnimmt und an einem Ort aussetzt, der gänzlich ungeeignet zum Weiterkommen ist.
Der zweite Feind
Sie verpasst die Ausfahrt zur Tankstelle und macht einen zehnminütigen Umweg, weil sie sich nicht traut, auf der Landstraße zu wenden. Schließlich setzt sie mich ab. Ich bedanke mich, steige aus, und denke: "Gut, dass du Zelt und Proviant dabei hast, von hier wegzukommen, wird sehr schwierig."
Mitten im Nichts
Kein Autofahrer, der tankt, kein LKW, der Pause macht. Auf der Straße ist der wenige Verkehr mit hoher Geschwindigkeit unterwegs.
Ich setze den Rucksack ab, zücke den Kugelschreiber und tue das einzig richtige: Mein Pappschild verschönern.
Zeit für Buchstaben
Das große Madrid-M bekommt einen Schlagschatten, auf der wahrnehmungspsychologisch geschickten linken Seite der Balken.
Ich warte.
Die Fracht der vorbeifahrenden LKWs lässt keine große Strecke vermuten: Sand, Kies, Schutt. Ihre Reaktionen auf mein Lächeln und Daumen heben bleiben aus oder bestehen aus Schulterzucken.
Ich warte.
Der "-adrid"-Zusatz (für die Dummen) bekommt Serifen verpasst.
Überraschung
Huch? Hält der an? Will der nicht tanken fahren? Wartet der auf mich?
Yulian räumt auf, das sehe ich durch die Heckscheibe. Als ich mich auf den nun leeren Beifahrersitz setze, läuft YMCA-Musik und der Typ am Steuer grinst mich dämlich an. Ach du scheiße.
Ja, er fahre wirklich nach Madrid.
Ich bin misstrauisch, bleibe aber im Auto, die Straßenkarte auf dem Schoß. Sein Handy klingelt. Die Tochter. Erleichterung.
Yulian
Yulian ist Bulgare, vor elf Jahren nach Spanien ausgewandert. Er hatte einen kleinen erfolgreichen Baubetrieb, aber die omnipräsente Korruption überstieg das Maß des Erträglichen.
Er ist Naturliebhaber und Sportler. Als er hört, dass ich letzten Sommer 3000km Fahrrad gefahren bin nach Spanien, gibt er mir eine Visitenkarte. "Federación Española de Orientación". Fast jedes Wochenende trifft er sich mit anderen Verrückten in einem Wald, bekommt eine Karte und einen Kompass, und muss möglichst schnell alle Wegpunkte aufsuchen.
Wochentags arbeitet er als Handwerker. Durch seine vielseitigen Talente ist er trotz Krise gut aufgestellt. Er macht alles - Maurer, Maler, Elektriker, was halt gerade anliegt.
Auf seinen Fahrten quer durchs Land - Ein Auftrag in Madrid, einer in San Sebastian, einer in Pamplona - wird er öfters gebeten, das Portemonnaie zu zücken. Das letzte Mal musste er dem rauchenden Beamten, der an seinem Autofenster stand, 150 Euro abdrücken - Er hatte am Stoppschild nicht die vorgeschriebenen 2 Sekunden gewartet.
Gut, dass ich schon eine Unterkunft hätte in Madrid, aber falls das nichts werde, er kenne einen Haufen Leute dort. Ich käme schon irgendwo unter.
Ein bulgarisches Pärchen ließ er vor ein paar Jahren kostenlos drei Monate bei sich wohnen. Heute haben beide einen guten Job und stehen noch in Kontakt mit Yulian.
In Bulgarien schnallt man sich im Auto nicht an. Das wurde seiner kleineren Tochter und seiner Frau vor vier Jahren zum Verhängnis. Mit seiner älteren Tochter, die in Pamplona lebt, telefoniert er jeden Tag mehrmals, wenn er unterwegs ist.
Vor meiner nächsten Fahrt solle ich mich melden, vielleicht könne ich ja wieder mit ihm fahren.
April 20th, 2010 - 11:12
wunderbar
April 20th, 2010 - 22:24
lebendiger können geschichten nicht sein! danke, dass ich dabei sein durfte.
April 28th, 2010 - 23:04
Lea und Lutz:
Ja genau. Wunderbar und lebendig. Genau. Ein Genuss.