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5May/100

100% Erneuerbare 2

Die European Climate Foundation hat vor Kurzem eine dreiteilige Studie herausgebracht, die den Weg für 100% erneuerbare Energien bis 2050 aufzeigt. Die ECF ist eine Stiftung, die sich, unschwer am Namen erkennbar, mit dem Klimawandel beschäftigt. Sie wird finanziert durch andere Stiftungen.
Die Studie mit dem griffigen Titel "Roadmap 2050" wurde in Zusammenarbeit mit illustren Experten diverser Universitäten und Unternehmensberatungen erstellt, was ihr eine reizvolle Immunität gegen die Schwarzmalerei-aus-Eigeninteresse-Vorwürfe gegen verschiedene NGOs und den Weltklimarat verleiht.
Den ersten Teil der Studie, Technical and Economic Analysis, hat die ECF auf Basis von Daten und Einschätzungen folgender Beteiligter erstellt: McKinsey & Company; The Energy Futures Lab at Imperial College London; Oxford Economics.

Grundannahmen

Eine 100% erneuerbare Energieversorgung sei trotz des benötigten Netzausbaus auf lange Sicht nicht teurer, gehe man von folgenden Umständen aus:

Assuming
(i) industry consensus
learning rates for [technologies that today
are already commercially available or in late stage
development];
(ii) increased
emission reduction efforts in the rest of the world;
(iii) market demand for low-carbon investments;
(iv) IEA projections for fossil fuel prices;
(v) a significant expansion of grid interconnection between and
across regions in Europe; and
(vi) an average carbon price of at least € 20-30 per tCO2e over 40 years, the
cost of electricity and overall economic growth in the
decarbonized pathways would be comparable to the
baseline over the period 2010-2050.

Strom würde sogar billiger für die Verbraucher

Die Zielsetzung der Studie ist nicht, 100% erneurbare Energie zu erzeugen, sondern den Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 80% zu reduzieren (verglichen mit 1990). Um dies zu erreichen, müsse nicht nur die Erzeugung von Energie verändert werden, sondern auch die Art des Verbrauchs:

Achieving the 80% [green house gas] reduction means nothing less
than a transition to a new energy system both in the
way energy is used and in the way it is produced. It
requires a transformation across all energy related
emitting sectors, moving capital into new sectors
such as low-carbon energy generation, smart grids,
electric vehicles and heat pumps. These investments
will result in lower operating costs compared to
the baseline. Dramatic changes are required to
implement this new energy system, including shifts
in regulation (e.g., to provide effective investments
incentives for capital-intensive generation and
transmission capacity), funding mechanisms and
public support. Despite the complexities, the
transformation of the European power sector would
yield economic and sustainability benefits, while
dramatically securing and stabilizing Europe’s
energy supply.

Smart grid und Elektroauto

Das smart grid ist ein Lösungsansatz für die schwankende Erzeugung von Strom. Jedes Verbrauchergerät bekommt, so die Idee, einen Datenanschluss, um zu erfahren, wann genug Strom zur Verfügung steht, um in Betrieb zu gehen. Tiefkühltruhen und Waschmaschinen könnten so z.B. warten, bis billiger Strom zur Verfügung steht. Das wäre z.B. in windigen Nächten der Fall, an denen normalerweise wenig Strom verbraucht wird.
Das Anzapfen der Batterien der geparkten Elektroautos ist ein weiterer Ansatz, die fluktuierende Erzeugung der Erneuerbaren abzupuffern.

Besser heut' als morgen

Die Autoren der Studie rufen, obwohl 2050 noch weit entfernt scheint, zur Eile auf:

The project requires
closer transnational cooperation in transmission
infrastructure, resource planning, energy market
regulation, and systems operation. Taking all this
into account, it is not difficult to see that technological,
regulatory and collaborative activities have to start
now in order to ensure a realistic pathway towards
achieving the 80% GHG [green house gas] reduction by 2050.

Kein steigender Energiebedarf?

Angaben der Internationalen Energie Agentur zufolge wird in Europa im Jahre 2050 40% mehr Strom verbraucht als heute. Die Studie geht davon aus, dass diese 40% einerseits eingespart werden durch ehrgeizige Effizienzmaßmaßnahmen, andererseits ein erhöhter Strombedarf für Elektroautos und Hitzepumpen herrschen wird, was sich ungefähr ausgleicht. Die Effizienzmaßnahmen bestünden aus folgenden Teilen:

Energy efficiency improvements up to 2% per
year are realized. This project assumes that
energy efficiency measures like those identified
in the McKinsey 2030 Global GHG Abatement
Cost Curve for Europe are implemented fully
and in all sectors. These include aggressive
energy efficiency measures in buildings, industry,
transport, power generation, agriculture, etc.
■ Nearly full decarbonization of the power sector
is achieved by relying to varying degrees on
renewables, nuclear and carbon capture and
storage (CCS), along with a significant increase
in transmission and distribution investments.
■ Fossil fuels are replaced in the buildings and
transport sectors by decarbonized electricity and
low CO2 fuels (e.g., 2nd-generation biofuels).
■ All other identified emission abatement measures
are implemented, such as CCS in industry and
afforestation.

Die Wiederbewaldung ist meiner Ansicht nach ein konsensfähiger Punkt. Dass Atomkraft und CO2-Abscheidung jedoch Sinn ergeben, bezweifle ich schärfstens. In dem Szenario (pathway) der Studie, das auf 100% erneuerbare setzt, wird mit einem Durchbruch der Geothermie gerechnet und mit dem Import von afrikanischem Solarthermie-Strom. Aktuelle Kohle-, Gas-, Öl- und Atomkraftwerke würden in diesem Szenario bis zum geplanten Ende ihrer Laufzeit betrieben werden und danach durch erneurbare Anlagen ersetzt werden.

Auf Seite 16 der Zusammenfassung wird Bezug genommen auf ein Problem, welches ich für das Wesentlichste halte: Unästhetische, teure und die Umwelt verändernde Überland-Stromleitungen.

Arguably the toughest challenge of all is to obtain
broad, active public support for the transformation,
across countries, sectors and political parties.
Transnational cooperation is required for regulation,
funding, R&D, infrastructure investments and
operation. Societal enthusiasm for the changes is
also needed to draw talent and energy, much as the
high-tech sector did in recent decades, to innovate,
plan and execute these massive changes in power
supply and consumption. Resilience to overcome
inevitable setbacks will be required, including
initiatives to change public attitudes regarding the
construction of large-scale overhead transmission
infrastructure.

Als Fazit schließe ich mich Technology-Review-Autor Niels Boeing an:

Ein Gewinn ist die Studie in jedem Fall. Ab jetzt kann man bei jeder Debatte um Stromlücken und Erneuerbare Energien einwerfen: Geht nicht, gibt's nicht.

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