verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

24May/100

Beweg’ dein’ Arsch

Eigentlich beginnt es ziemlich scheiße, das Wochenende.
Von der hunderttausendsten Erasmus-Haus-Party am Freitag verdrücke ich mich zwar zügig, aber die Uhr zeigt trotzdem schon zwei, als ich mich schlafen lege.
Vier Stunden später klingelt der Wecker, ich packe meine Sachen, ziehe die Wanderschuhe an, und fahre mit dem Fahrrad zwanzig Minuten in den Vorort.

Deutsche Zuverlässigkeit

Meine Viertelstunde Verspätung äußert sich im leeren Parkplatz. Die Truppe Freiwilliger, der ich mich anschließen wollte, ist für Spanien untypischerweise pünktlich abgefahren. Es wäre um die Suche der sterblichen Überreste von zwei Tourengehern gegangen, die seit drei Monaten in den französischen Pyrenäen vermisst werden. Das Handy meiner Kontaktperson ist ausgeschaltet - Ein Firmenhandy, wie ich später erfahre, samstags immer aus.

Erster ruhiger Samstag

Zurück nach Pamplona, Wanderschuhe wieder ausziehen, zurück ins Bett - Ausschlafen ist auch nicht schlecht. Dieser Misserfolg zieht den ersten gammeligen Samstag seit Monaten nach sich - Schon am Abend habe ich wieder Hummeln im Arsch. Iñigo sprach von einem Jedermannrennen am Sonntag, keine zwei Stunden Radfahrt entfernt. Er fährt mit dem Auto, hat aber keinen Platz mehr in selbigem.

Sommer in der Stadt

Ich zeichne also eine notdürftige Skizze vom Weg, schwinge mich Samstag Abend mit Schlafsack und Isomatte auf dem Rücken auf's Mountainbike - und treffe in der brummenden Altstadt zwei Freunde.
Die Zeit muss sein. Wir zischen dem lauen Abend zu Ehren beim Caballo Blanco ein Bierchen.

Stille auf dem Land

Bevor das Verweilen in urbanen Gefilden zu reizvoll wird, schleiche ich mich um kurz nach elf aus der lebendigen, orange beleuchteten Altstadt aufs stille, dunkle Land. Dort hört man das Brummen der Stollenreifen auf dem Asphalt, dort ist der Fahrtwind kühl. Nur 30 km, dann krieche ich in den warmen Schlafsack, und Morgen kann ich schlafen bis kurz vorm Startschuss. Denke ich. Hoffe ich.

Rauf und runter

An einer Kreuzung fehlinterpretiere ich meine Handschrift und fahre einen Berg hinunter, den ich etwas später gleich wieder hinauffahren muss. Falsch abgebogen. Wieder ganz rauf. Meine Finger sind klamm und der Rücken schmerzt unter der Last des Rucksacks, aber es ist zu kalt und zu spät, um sich eine Pause zu leisten.
Später rekonstruiere ich mithilfe von gpsies, dass die 55 Kilometer, die ich mit 19 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in der schwarzen Nacht zurückgelegt habe, von Steigungen im Gegenwert von 1150 Höhenmetern gesäumt waren.

Müde Beine nix gut für Wettkampf

Vielleicht war das der Grund, warum ich schon bei der ersten Anhöhe des Rennens am Sonntag eine ungewohnte Müdigkeit in den Beinen verspürte. Nix da, durchbeißen, ruft etwas in mir, und mit einem Schnitt von 16 km/h lege ich die 42 km Waldwege und Wanderpfade zurück, die gemeinsam mit 1200 Höhenmetern zwischen mir und dem Ziel liegen. Betonierte Waldweg-Abfahrten, Schotterpisten, kurze Anstiege, lange Anstiege, matschige Waldpfade, felsige Waldpfade, Waldpfade mit Panorama, Waldpfade neben Abgrund, Weiden-Abfahrten, technische Abfahrten, Flussdurchquerungen - Die Marcha de Basaburua bietet alles, was das Mountainbiker-Herz begehrt. (Außer einem Biergarten am höchsten Punkt).

Sprung in den Busch

Ein Hechtsprung in einen Dornenbusch beendet eine 60-km/h-Weiden-Abfahrt - ich hatte den Graben nicht gesehen und muss so stark bremsen, dass an ein Ausweichen nicht mehr zu denken ist.
Der gegrillte Speck auf Baguette und die Bananen nach dem Rennen schmecken unglaublich gut, ich verzehre tonnenweise.
Mein Fahrrad gebe ich einem hilfsbereiten Renn-Compañero, den ich von zwei vorigen Rennen kenne, für den Rücktransport nach Pamplona, und quetsche mich zu Iñigo ins volle Auto.

Ausklang am Strand

Wir fahren nach San Sebastian an den Strand und schwimmen zum Ausgleich des Bein-lastigen Radelns einen Kilometer den Strand ab.
Als Iñaki (nicht Iñigo) abends bei mir klingelt, überreicht er mir nicht nur das Fahrrad, sondern auch einen Schuhkarton voll feinster Leberpasteten. Beim Rennen vor vier Wochen, dessen Veranstalter er ist, habe ich im Fotowettbewerb den zweiten Platz gewonnen.
Wer hätte das gedacht - Lecker.

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