Jasmine
Es passt mir überhaupt gar kein Bisschen in den Kram. Nicht einen Deut. Zum völlig falschen Zeitpunkt bittet Jasmine um Obdach - eine halbe Woche vor den Semester-Abschlussklausuren.
Jasmine hat ein karges couchsurfing-Profil mit einem neutralen Foto. Sie ist Neuseeländerin.
Sie schreibt, dass sie in der Schweiz gestartet ist und nach Portugal will. Über den Jakobsweg. Auf dem Fahrrad.
Klare Antwort
Ich sage ihr zu. Wer kann einem einsamen Radreisenden schon die Unterkunft verweigern? Was sind schon ein paar Klausuren gegen wochenlange Schinderei?
Sie hat rechtzeitig Bescheid gesagt, wann sie kommt, ich kann meine Lerneinheiten so planen, dass während ihres Aufenthalts vier Stunden pro Tag reichen. Als sie mich anruft, sie stehe jetzt vor meiner Tür, sitze ich noch in der Bibliothek und schreibe eine Arbeit über den Wandel sozialer Bewegungen im Digitalzeitalter. Zwanzig Minuten.
Nix dabei
Ich kann es kaum glauben, als da ein Mädchen neben einem Fahrrad steht, das außer dem Körbchen am Gepäckträger durch nichts von einem normalen Mountainbike zu unterscheiden ist. Die Frau hat kein Gepäck! Ihre Schuhe sind außerdem aus dünnem Stoff und die Sohlen weich. So ist die niemals von Genf hierher pedaliert!
Ein Profi im Schafspelz
Ist sie doch. Jasmine ist Ex-Triathletin und Ex-Radrennfahrerin. Sie ist bei 12-Stunden-Rennen mitgefahren und hat all ihre Profi-Ausrüstung zu Hause gelassen. Nach zwei Monaten Snowboarden in Österreich hat sie sich spontan bei einer Freundin in Genf entschlossen, ihre restliche Zeit in Europa auf dem Jakobsweg zu verbringen. Zwei Tage später war ein gebrauchtes Rad gefunden und es konnte losgehen. Ohne Klickpedale. Ohne atmungsaktive aerodynamische Kleidung. Ohne MP3-Player. Nicht mal einen Kilometerzähler hat sie dabei. Mit einem zerfledderten Guide auf deutsch, das sie nicht beherrscht, wirft sich Jasmine ohne Französisch- und Spanischkenntnisse ins Abenteuer und kommt keine zwei Wochen später in Pamplona an. Lächelnd.
Pamplona muerto
Etwas enttäuscht ist sie schon, dass die in Neuseeland bekannteste spanische Stadt so klein, leer und kalt ist. So lange sie es vor Augen hatte, als Ziel, nach Spanien zu gelangen, hat es sie motiviert. Jetzt hat sie Spanien vor Augen, real. Vor Augen und in den Knochen. Zehn Grad, Regen und Wind. Jetzt hat das strahlende Santiago de Compostella deutlich an Glanz verloren.
Santiago? Monaco!
Nach Ausschlafen und Stadtführung wird der Wetterbericht gecheckt und umdisponiert. San Sebastian, Atlantik, Biarritz, im Zug nach Toulouse, dann wieder per Rad an die Côte d'Azur und den Rückflug wieder aus der Schweiz.
Respekt. Respekt für so viel Spontaneität, für so viel Souveränität, für so viel über-die-Ausrüstung-Hinwegsetzen, für so viel Kampfgeist. Da sie auch auf eine Karte verzichtet, erzählt sie, muss sie das ein oder andere Mal den erklommenen Berg wieder herunterfahren und einen anderen hinauf.
Die Welt im Blut
Ihre Familie stammt aus Holland. Mit den Eltern und den drei Brüdern wächst sie auf einer neuseeländischen Ranch auf, von der man 50 Minuten reiten und 10 Minuten Autofahren muss, um zum nächsten Ort zu gelangen. Durch zwei brust-tiefe Flüsse musste man waten, bevor vor ein paar Jahren die Brücke wieder aufgebaut wurde.
Als sie zwölf ist, nehmen die Großeltern sie ein Jahr lang mit auf Reisen. Zu Verwandten nach Südafrika und auf Wurzelsuche nach Amsterdam. Jasmine schnuppert Reiseluft, die sie von nun an nicht mehr missen will.
Als passionierte Geologin arbeitet sie in zwei-Wochen-Schichten in einem australischen Eisenbergwerk im Urwald, und hat danach jedes Mal eine Woche frei zum Reisen. Indonesien ist ihr Lieblingsnachbarland, zum Surfen und wegen der Menschen. Das Bergwerk ist ein Graus - auf die Umwelt wird geschissen und die Männer sind rauh. Aber der Mensch braucht Metall und Jasmine braucht Gestein.
Zwischen Mitleid und Abenteuerlust
Ob ich sie nicht ein Stück begleiten will, fragt sie, allein werde es einem schonmal langweilig. Ich weiß, wovon sie spricht, und schwinge mich mit doppelter Campingausrüstung (sie hat ja nichts dabei) aufs Rad. Gelernt wird später. Die 50km Richtung San Sebastian sind landschaftlich reizvoll und körperlich anspruchsvoll. Wir bauen das Zelt im Wald auf, windgeschützt, und frieren die ganze Nacht. Ich zumindest. Jasmine hat meine drei Pullis und den wärmeren Schlafsack bekommen, ich spiele den Mann. Den nächsten Morgen regnet es in Strömen. Nachdem es um elf Uhr aufklart, wird schnell gepackt. Ich habe ein Gruppentreffen in Pamplona. Sie ist traurig, als sich unsere Wege trennen: "Back on the road alone...", ruft sie seufzend.
Zurück ins Leben
Bis dahin hatte ich sie beneidet. Jetzt bin ich froh, meine Ohrstöpsel fester reinzudrücken und von Techno befeuert die direkte Landstraße nach Pamplona zu nehmen. Pamplona, wo ich auf der Straße Freunde treffe, wo ich eine richtige Wohnung mit einer richtigen Küche habe, wo in meinem Leben Ziele sind, die sich nicht nach 1000km erübrigen.
May 18th, 2010 - 23:36
(Ich verstehe nicht ganz, warum sich Jasmines Ziele nach 1000 km erübrigen).
Eine schöne Erzählung über eine Begegnung, die in wunderbarem Gegensatz zu den Kommunikationsformen steht, um die es in den Gedanken zum psychologischen Vertragsbruch geht.