verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

3May/100

Schlauer Markt, dumme Politik

Stephan Jansen war gefeierter Jung-Manager und ist jetzt Privatuni-Präsident und Wirtschaftsprofessor. In einem langen Interview mit der brand eins argumentiert er auf fundierte Weise für einen freien Markt, weist darauf hin, dass man auch Insolvenzen großer Unternehmen zulassen sollte, wirft ein neues Licht auf die Abwrackprämie und äußert sich zu vielen deutschen Missständen. Auch wenn man seine Ansichten nicht teilt, die Argumentation und die Beispiele sind durchdacht.
Ein paar Ausschnitte aus dem Interview "Nach dem Stolpern läuft man aufmerksamer weiter", aus der brand eins August 2009:

Zum Thema staatliche Eingriffe, freier Markt vs. Regulierung:

(...) Zentralismus ist etwas, das nur in trivialen Systemen exzellent läuft - in komplexen Systemen ist die Dezentralität eindeutig überlegen.
Warum?
Der große Vorteil ist Redundanz. Das Gesamtsystem bricht nicht zusammen, wenn ein einzelnes Subsystem versagt. So arbeitet unser Gehirn, so arbeitet das Internet, und diesem Prinzip folgt ein funktionierender Markt. Man muss akzeptieren, dass ein komplexes System vergleichsweise ineffizient ist, wenn es auf Redundanz, Verdrängung und Kannibalisierung angelegt ist. Gesamtwirtschaftlich bleibt es dennoch überlegen, weil es die höchste Kapazität zur Verarbeitung von Informationen hat.
(...)
Das Problem ist der Konflikt zwischen Markt und Staat. Der Markt ist stark, wenn er, wie gesagt, die dezentrale Intelligenz vieler Mitspieler nutzt und daraus Verbindlichkeiten für alle entstehen. Kommt es dabei zu Verzerrungen, greift der Staat mit Wettbewerbsregulierung ein - allerdings ohne dezentrale Intelligenz.

Auch wenn die Diskussion abgeebbt ist, das Thema der Opel-Pleite ist nach wie vor interessant. Jansen nimmt diese als Beispiel, um auf das eigentlich systeminherente, aber sehr unbeliebte Thema "Pleite" als Teil des Wirtschaftssystems aufmerksam zu machen:

[Die] Frage ist, ob wir nun die Lösung des Marktes akzeptieren, also die Insolvenz. Oder ob wir der Krise mit weiteren staatlichen Anreizen begegnen, sie also mit jenem Mechanismus - einer erneuten "Politik des billigen Geldes" - zu therapieren versuchen, der sie ausgelöst hat.
(...)
Multinationale Großunternehmen waren tatsächlich von den Marktwirtschaftstheoretikern nicht vorgesehen. Ihr Entstehen hat mit der klassischen ökonomischen Theorie zu tun - danach brauchen wir große Organisationen, weil sie Skalierungsvorteile versprechen. Das ist eine nach wie vor so unabänderliche wie mutige These der Betriebswirtschaft, denn den sogenannten Economies of Scale stehen Diseconomies of Bureaucracies entgegen.
(...)
Der Markt ist ein dynamisches Modell, in dem Verbindlichkeiten immer wieder neu entstehen, weil alle Teilnehmer ständig dagegen an arbeiten. Im Grunde setzt man den Wettbewerb dafür ein, sich aus dem Wettbewerb herauszubewegen. Man arbeitet auf dem Markt gegen den Markt. Denn schließlich will man ihn übertreffen, besser sein, den Konkurrenten links liegen lassen, letztlich will man, dass er insolvent geht. Aber nun kommt die Großorganisation ins Spiel - sie löst den Wettbewerb hierarchisch auf. (...) Großunternehmen haben eine eigene Form der Zentralisierung von Märkten erzeugt, die gegen die Idee der sozialen Marktwirtschaft läuft. "Too big to fail", das ist der GAU der Marktpolitik. Warum müssen wir uns als Steuerzahler um einen Automobilhersteller kümmern, gegen den wir uns als Kunden bereits entschieden haben? Die Überlegenheit der Marktwirtschaft entsteht, weil sich Märkte dezentral bereinigen. Wenn aber das Scheitern, also die Insolvenz, nicht vorkommen darf, funktioniert das Prinzip nicht mehr. Die größte Krise der Marktwirtschaft ist, wenn der Staat keine Krise zulässt.

Die mangelnde Nachhaltigkeit ist nur ein Problem unserer Demokratie:

Vater Staat hat eine andere Systemlogik als ein Familienunternehmer. Der Staat löst aktuelle Probleme, indem er zukünftigen Generationen Probleme aufbürdet. Ein guter Unternehmer dagegen sieht sein Vermögen als das geliehene Erbe seiner Kinder. Darin steckt ein Anreiz, sich selbst zu bescheiden. Der Staat hat dazu keinen Anreiz, nur die Zinsen für die Staatsschulden erlegen ihm Grenzen auf.
(..)
Gut 60 Prozent der öffentlichen Ausgaben gehen für Zinsen, Tilgungen und Pensionen weg, also für Leistungen der Vergangenheit, und nur zehn Prozent für Bildung. Das produziert eine gewaltige Generationenungerechtigkeit.
(...)
Der Staat mischt sich ein, wenn Großunternehmen die Insolvenz droht - und lässt unzählige Kleinstunternehmen ungerührt und medial unbeobachtet pleitegehen. Warum? Weil das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft nicht geklärt ist und wir es in beiden Systemen mit unterschiedlichen Währungen zu tun haben. Die Währung im Wirtschaftssystem ist Einkommensmaximierung, die Währung im politischen System Stimmenmaximierung. Und wenn es um Stimmenmaximierung geht, zählen Zigtausende Opelarbeiter eben mehr.
Die Begründung ist Systemrelevanz.
Das halte ich für den absoluten Zauberbegriff, der alles legitimiert. Aber für das System eines Finanzmarktkapitalismus sind nur Banken systemrelevant - und selbst da lohnt es sich, genau hinzusehen. Ich glaube eher, dass die Automobilindustrie so relevant ist, weil uns in der Vergangenheit viele Schlüsselindustrien durch Pleiten oder durch Verkäufe ins Ausland verloren gegangen sind. Deshalb wird daran das System justiert, in der Hoffnung, wieder Vertrauen herzustellen. In dem Zusammenhang hat dann sogar die Abwrackprämie einen Sinn. Die ist so trivial, dass sie jeder versteht, dass jeder darüber reden, sie gut oder schlecht finden kann. Wenn das Systemvertrauen verloren gegangen ist, braucht man solche Simpelst-Unterscheidungen - selbst wenn sie lediglich das Wirtschaftswachstum in Korea fördern.
(...)
[Die] Politik denkt selbst nicht in großen Zeitabständen. Das ist auch das Perfide an der Politik. Sie fordert die Orientierung an Langfristigkeit, kann sie aber selbst nicht halten. Sie denkt nur im Heute, weil die noch nicht geborene Generation nicht wählt. Nur deshalb kann sich eine Regierung auf Kosten der nächsten Generationen so immens verschulden.

Ich sehe drei Hausaufgaben, die wir erledigen müssen, wenn die soziale Marktwirtschaft wieder funktionieren soll:

- Wir müssen anerkennen, dass es immer eine Wechselwirkung zwischen Angst und Gier geben wird. Klassische Krisenkonjunkturen sind nicht zu vermeiden. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man vorsorgen und in guten Zeiten etwas zurücklegen, individuell und staatlich. Vorsorge ist eine nachsichtige Lebensführung, die auf die Maximierung der Versorgungslänge, nicht der Versorgungshöhe abstellt.

- Das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft hat ein gewaltiges Manko. Beim sozialen Aufstieg, also bei der Durchlässigkeit von unten nach oben, hat sie sich nicht bewährt. Das sorgt nicht nur für latente Unzufriedenheit - das sorgt auch dafür, dass sich aufstiegswillige Immigranten, die wir bereits in den kommenden Jahren dringend brauchen, von Deutschland fernhalten. Wir sind Verlierer im globalen Migrationsstrom.

- Ob die Marktwirtschaft funktioniert oder nicht, ist eine Frage der intelligenten Regulierung. Das ist eine echte Herausforderung, denn da hilft kein Moralisieren und kein wie auch immer verstandener Neoliberalismus. Es geht darum, den Egoismus durch eine nachvollziehbare Regulierung zu zivilisieren. Und dazu bedarf es der Betrachtung des Einzelfalls, weniger der Generalgesetzgebung.

In ein paar Jahren wird es im Automobilmarkt den ersten intelligenten Wettbewerber geben, der Überkapazitäten anmietet und ohne eigene Werke Autos mit einer starken Marke baut. Aber wir sollten vorsichtig sein mit der alten Fantasie, dass sich der Markt schon selbst reguliert: Es gibt so einige außerökonomische Gründe, die dagegen sprechen.

Zum Beispiel?

Es gibt keine ökonomische Größenlogik. Kleine Unternehmen stehen meist besser da, sind produktiver, wirtschaftlicher. Aber Individuen haben entgegen der Theorie eben noch andere Ideen als Rationalität und Gleichgewicht. Der Markt produziert auch keine Gerechtigkeit, keine Schutzmechanismen - die Binnenlogik des Marktes ist es, gegen den Wettbewerber zu arbeiten. Der Soziologe Georg Simmel nannte es den "indirekten Kampf".
Und der Spannungsbogen, mit dem wir es zu tun haben, ist doppeltes Misstrauen. Dem Markt wird misstraut, dass er sich selbst reguliert - und dem Staat, dass er wirklich nur das regelt, was geregelt werden muss. Deshalb kommt es immer wieder zu Pendelbewegungen; das ist ein hochgradig dialektisches Prinzip.

[Man] kann durchaus diskutieren, welche Art der Gewinnmaximierung man will. Für den Manager zählt die Höhe des Gewinns, der Unternehmer fragt, wie lang, also nachhaltig sein Gewinn ist. Das könnte eine vierte Aufgabe für die Marktwirtschaft sein, das Maß für Erfolg von der Höhe hin zur Beständigkeit des Gewinns zu verschieben. Dann ist die Dialektik auch besser zu ertragen [zwischen Krise und Boom, Anm.].

Kommentare (0) Trackbacks (0)

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.


Kommentar schreiben


Noch keine Trackbacks.