verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

19May/102

Sicheres kleines Pamplona

Ich sitze im Subsuelo, dem dienstäglichen Stammlokal, und lausche den Wogen des Saxofons. Den Euphorie- und Ruhe-Wogen des Saxofons. Den Euphorie- und Ruhe-Wogen von Saxofon, Keyboard, Schlagzeug, Trompete, Bass und Gitarre. Ich lausche der improvisierten Klangharmonie der Jazz-Jamsession und denke: "Wie gut, dass Pamplona so klein ist. Wie gut, dass ich mir um meine Jacke keine Sorgen machen muss," die fünf Meter schräg hinter mir unbewacht unter zwei anderen Jacken auf einem Barhocker liegt.

Wo ist die Jacke?

Zwanzig Minuten später, um viertel nach eins, überkommt mich ein Schwall von Müdigkeit. Ich verabschiede mich von den anderen Klangschwelgern, will schnell meine Jacke nehmen und den verrauchten Laden verlassen.

Der Barhocker ist leer.
Auf dem Haufen, wo die Jacken der anderen liegen, ist sie nicht.
Auf allen Haufen der ganzen Bar ist sie nicht.
Beim Barmann hat sie niemand abgegeben.

Schreiben ist wie Reisen, die einzige Therapie die hilft
(Falk von Doppelkopf im Song "Wort Drauf")

So schreibe ich hier, wie ich dem Türsteher beim Nachfragen entlocken konnte, dass vor 15 Minuten zwei kleine dickliche Frauen mit einem Stapel Jacken über'm Arm aus dem Laden kamen. Er dachte sich, sie würden nur ihr Glas herausschmuggeln wollen, halb so schlimm, einige Frauen haben halt viel anzuziehen, und hielt sie nicht auf. Das waren die Frauen, bei denen ich mich vorher gefragt hatte, was sie in dem Laden verloren hätten, wo sie sich doch überhaupt nicht zu amüsieren schienen.

Bei der Müllabfuhr

So schreibe ich hier, wie ich ohne Jacke durch die kalte Nacht raste und jeden Passanten fragte, ob er nicht zwei kleine dickliche Frauen mit einem Jackenstapel vorbeigehen sehen hätte.
So schreibe ich hier, wie ich nicht nur Passanten, sondern auch Müllmänner fragte, (die in Spanien immer nachts arbeiten), ob sie nicht zwei kleine dickliche Frauen mit einem Jackenstapel vorbeigehen sehen hätten.

Im Hauptquartier

So schreibe ich hier, wie ich ins Hauptquartier der Guardía Civil ging, um die Beamten zu fragen, ob einer ihrer Kollegen nicht vor einer halben Stunde zwei kleine dickliche Frauen mit einem Jackenstapel vorbeigehen sehen hätte.

Bei den anderen Bullen

So schreibe ich hier, wie die Guardía Civil mich zur Policía municipal schickte, zu der ich durch die kalte Nacht radelte, um die Beamten zu fragen, ob einer ihrer Kollegen nicht vor einer halben Stunde zwei kleine dickliche Frauen mit einem Jackenstapel vorbeigehen sehen hätte.
Dort schrieb die Beamtin ein Protokoll. Jacke: Patagonia, dunkelgrün, Wert: 400 Euro. MP3-Player, Marke iriver, Wert: 80 Euro. Luftpumpe, Wert: 15 Euro.

Wert oder wert?

Selten war ich so entrüstet über die Beschränktheit monetärer Systeme. Den USB-Stick erwähnte ich nicht, aus Angst, sie würde meine ausschließlich auf ihm gespeicherte vier-Tages-Arbeit für den Soziologiekurs versuchen, in Geldwert zu pressen.
Den reparierten Reißverschluss erwähnte ich nicht, denn das Gefühl vor einer Woche, als ich merkte, die Jacke wird langsam von einem Handelsprodukt zu meiner Jacke, mit Flecken und Kratzern und Abnutzungen und Erinnerungen, würde die Polizistin nicht verstehen. Welchen Sinn hätte das auch?
Welchen Sinn hat das ganze kalte Geradel und mühsame Gefrage und stumpfe Anzeigenaufgegebe überhaupt?
Was machen diese beknackten Frauen mit einer Snowboard- und Outdoorjacke in XL, die man am Ende ihres Lebens im Laden zurückgibt, damit ihr Polyester recycelt werden kann? Was machen diese beknackten Frauen mit dem Minimal Techno und den Türkeireisefotos und den Pornos auf meinem zerkratzten MP3-Player? Was machen diese beknackten Frauen mit der Tabelle der Radreiseplanung und dem Aufsatz über moderne Kommunikationsmittel in sozialen Bewegungen auf dem USB-Stick?
Jeder weiß, dass man sich von Hehlerware nichts großes erhoffen kann.
Aber ich täte lügen, wenn ich mich als Menschen bezeichnen würde, der nicht besser alles probiert hätte, bevor er sich zur Ruhe legt.

Companieros

Irgendwie war es auch aufbauend, die wenigen Müllmänner und die Passanten und die Beamten in der leeren Nacht auf meiner Seite zu wissen. Sie machten authentisch den Eindruck, als würden sie eine geklaute Jacke als ernstzunehmendes Vergehen verstehen und im Falle, dass ihnen zwei kleine dickliche Frauen mit einem Jackenstapel über den Weg liefen, aus dem Auto sprinten, die Frauen überwältigen und Gerechtigkeit walten ließen.

Kommentare (2) Trackbacks (0)
  1. mo, auch wenns vielleicht jetzt auch egal ist, trotzdem, wie hattest du denn den reissverschluss repariert? hattest du etwa einen neuen reingenäht?

  2. auch wenns vielleicht jetzt auch egal ist

    haha, was für eine typische gisa-geschichte…

    in einer kleinen schneiderei in der altstadt habe ich in meinen rucksack zwei neue reißverschlüsse einnähen lassen. weil ich passende textil-kleber nicht fand und angst hatte, die ganze tasche zuzukleben, hab ich die gelegenheit genutzt, auch den reißverschluss der jacke einnähen zu lassen.


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