Von Schöpfern und Schwalben
Fieber haben ist wie bekifft sein. Man fühlt eine Kreativitätsexplosion in seinem Inneren, und man begnügt sich mit sich und dem Moment. Nur herrscht statt der kindischen Albernheit höchst erwachsene Introvertiertheit vor. Außerdem hat man stoned, eine verantwortungsvolle Dosis vorrausgesetzt, noch die Wahl - Zwischen Sessel, Bett oder anderen Orten, an die man sein Sein verlegen kann. Das Fieber limitiert diese Wahl. Doch behalten wir einen vorwärtsgerichteten Anspruch - Immerhin, mit etwas Glück, kann der Fieberpatient noch zwischen dem Bett, dem Wohnzimmer und der Liege auf der Terrasse wählen. Drei flexible Entscheidungsmöglichkeiten - Von so einem Fieberchen lassen wir uns doch nicht kleinkriegen.
Ich wähle, während meines mandelentzündeten Aufenthalts in einer Erasmus-WG in Granada, die Liege. Die Liege auf der Terrasse.
Gottes Gruß beim Schwalbenschwelgen
Auf der Terrasse kann man am hochsommerlichen Abendhimmel, zwischen der güldenen Kathedrale und den noch güldeneren Mauern der Alhambra, die wendigen Manöver und die galanten Bewegungen der schwarzen Schwalbenkonturen am Himmel verfolgen. Jedesmal, wenn eine Schwalbe einen geschickten Move unternimmt, um sich ein saftiges Insektchen zu catchen, darf man sich vom Schöpfer gegrüßt fühlen - für einen Augenblick tunkt er das schlichte Schwarz der Flügel in ein sattes Gold.
Buddhas Gnade
Wenn mich Buddha in einem Schwalbennest wiederauferstehen lässt, und ich mich nicht als ein Kuckuck entpuppe, werde ich nach Granada fliegen und mich am schlaraffigen, mehr oder weniger mückenschweren Himmel sattfressen. Ich werde denken - Dieser Kerl da, der da auf der Terrasse mit dem zerfetzten Sonnenschirm in seiner Liege lümmelt, der da eigentlich geistesabwesend aber doch ein bisschen neidisch, in den Himmel starrt, der soll einfach mal auf den Zehnmeterturm im Kaifu-Freibad Klettern. Seine besten Kumpels oder die Bademeister sollen ihm vom Fünfer, vom Dreier und vielleicht auch vom Einer ein paar Häppchen zuwerfen, die er in der Luft, ohne die Hände zu benutzen, 100% schlaraffig, mit seinem Mund auffängt. Da dem Kerl höchstwahrscheinlich kein Schnabelwachstum gelingen wird, auch nicht, wenn er vom Zehner springt, sondern ein paar empfindliche geschundene Zähne in seinem Maul stecken, werden als Mückenalternative Molekularküche und Kartoffelsuppe in Frage kommen.
Nach einem ausgeklügelten computergestützten System werden die besten Kumpels dieses Kerls die Kartoffelsuppe zugunsten der Molekularküche (offiziell wegen ihrer schlechten Kohäsionseigenschaften) für ungeeignet erklären. "Is Kacke," werden sie verlauten lassen.
Schnell, schneller, am Langsamsten
Ivan Illich, Blogger auf der angenehm philosophisch angehauchten Plattform "52 Wege für den Wandel der Welt", hat einen herrlichen Artikel aus dem Jahr 1974 ausgegraben, der die Paradoxien automobiler Fortbewegung nüchtern vorrechnet. Eine These, die ich schon seit Langem vertrete: Beim Vergleich "schneller" mit "langsamen" Verkehrsmitteln sollte man auch die Zeit miteinbeziehen, die für die Pflege der Infrastruktur, für die Finanzierung und für die technische Instandhaltung benötigt wird.
Wie immer gewinnt das Fahrrad.
Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1600 Stunden auf, um sich 7500 Meilen fortzubewegen: das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde. In Ländern, in denen eine Transportindustrie fehlt, schaffen die Menschen dieselbe Geschwindigkeit und bewegen sich dabei, wohin sie wollen – und sie wenden für den Verkehr nicht 28%, sondern nur 3% bis 8% ihres gesellschaftlichen Zeitbudgets auf.
Link
- Ivan Illich: "Fahrräder sind schneller als Autos", 52 Wege
Proudly Presenting: Pamp-Ham-Bike!
In Anlehnung an all die Schlaglöcher, Steine, Buckel und Huckel, die unsere Federgabeln wegbügeln müssen, ein lautmalerisches Glanzstück aus der Schatztruhe der absurd-ironischen Namensprägung: Pamp-Ham-Bike.
Pamp.
Ham.
Bike (aka "Boink").
Am 10. Juli geht es aus Pamplona los, Sechs Wochen Mountainbike, 30.000 Höhenmeter. Soeben ist der Pamp-Ham-Bike-Blog online gegangen! A disfrutar!
Link
- Pamp-Ham-Bike: 3000km Radreise mit Eike zurück nach Hamburg
Mein System, dein System
Helmut Willke ist Professor für "Global Governance" und Systemtheoretiker. Im brand eins-Interview ("Stochern im Nebel") spricht er sich für eine Erneuerung politischer Planungssyteme und ein neues Verhältnis zu Problemen aus.
Autos wie Züge
Der erste Feldversuch vom CVIS verleiht der Vision, Autos untereinander elektronisch zu vernetzen, Aufschwung. CVIS steht für "Cooperative Infrastructure Vehicle Systems": Vernetzte Autos tauschen untereinander und mit vernetzten Straßen Daten aus.
Ohne Ampel, ohne Stau
Diese neue Infrastruktur könnte in mittlerer Zukunft Ampeln überflüssig machen und Staus vorbeugen. Viel interessanter finde ich aber die Kombination mit den Fahrer-Assistenz-Systemen. Ihr Ausbau könnte den Fahrer überflüssig machen.
Schlauer Markt, dumme Politik
Stephan Jansen war gefeierter Jung-Manager und ist jetzt Privatuni-Präsident und Wirtschaftsprofessor. In einem langen Interview mit der brand eins argumentiert er auf fundierte Weise für einen freien Markt, weist darauf hin, dass man auch Insolvenzen großer Unternehmen zulassen sollte, wirft ein neues Licht auf die Abwrackprämie und äußert sich zu vielen deutschen Missständen. Auch wenn man seine Ansichten nicht teilt, die Argumentation und die Beispiele sind durchdacht.