Schnell, schneller, am Langsamsten
Ivan Illich, Blogger auf der angenehm philosophisch angehauchten Plattform "52 Wege für den Wandel der Welt", hat einen herrlichen Artikel aus dem Jahr 1974 ausgegraben, der die Paradoxien automobiler Fortbewegung nüchtern vorrechnet. Eine These, die ich schon seit Langem vertrete: Beim Vergleich "schneller" mit "langsamen" Verkehrsmitteln sollte man auch die Zeit miteinbeziehen, die für die Pflege der Infrastruktur, für die Finanzierung und für die technische Instandhaltung benötigt wird.
Wie immer gewinnt das Fahrrad.
Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1600 Stunden auf, um sich 7500 Meilen fortzubewegen: das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde. In Ländern, in denen eine Transportindustrie fehlt, schaffen die Menschen dieselbe Geschwindigkeit und bewegen sich dabei, wohin sie wollen – und sie wenden für den Verkehr nicht 28%, sondern nur 3% bis 8% ihres gesellschaftlichen Zeitbudgets auf.
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- Ivan Illich: "Fahrräder sind schneller als Autos", 52 Wege
Mein System, dein System
Helmut Willke ist Professor für "Global Governance" und Systemtheoretiker. Im brand eins-Interview ("Stochern im Nebel") spricht er sich für eine Erneuerung politischer Planungssyteme und ein neues Verhältnis zu Problemen aus.
Autos wie Züge
Der erste Feldversuch vom CVIS verleiht der Vision, Autos untereinander elektronisch zu vernetzen, Aufschwung. CVIS steht für "Cooperative Infrastructure Vehicle Systems": Vernetzte Autos tauschen untereinander und mit vernetzten Straßen Daten aus.
Ohne Ampel, ohne Stau
Diese neue Infrastruktur könnte in mittlerer Zukunft Ampeln überflüssig machen und Staus vorbeugen. Viel interessanter finde ich aber die Kombination mit den Fahrer-Assistenz-Systemen. Ihr Ausbau könnte den Fahrer überflüssig machen.
Schlauer Markt, dumme Politik
Stephan Jansen war gefeierter Jung-Manager und ist jetzt Privatuni-Präsident und Wirtschaftsprofessor. In einem langen Interview mit der brand eins argumentiert er auf fundierte Weise für einen freien Markt, weist darauf hin, dass man auch Insolvenzen großer Unternehmen zulassen sollte, wirft ein neues Licht auf die Abwrackprämie und äußert sich zu vielen deutschen Missständen. Auch wenn man seine Ansichten nicht teilt, die Argumentation und die Beispiele sind durchdacht.
Silber und Öl
Ulrich Grober, Autor einer "Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit", gräbt in der ZEIT eine Erzählung aus dem 15. Jahrhundert aus, die vom Bergbau handelt und vom menschlichen Selbstverständnis bei der Nutzung von Ressourcen.
Ein "Bergmann" sieht sich einem Göttertribunal gegenübergestellt, vor dem er sich für das Eingreifen in die Natur rechtfertigt.
Damit kommt er durch. Es sei die »Bestimmung der Menschen«, so lautet die Urteilsbegründung der Götter, »dass sie die Berge durchwühlen«. Aber der Freispruch ist mit einer ernsten Warnung verbunden. Mater terra werde früher oder später zur Selbsthilfe greifen. Die Eindringlinge würden durch vielerlei Gefahren bedroht, ihre Leiber verschlungen, durch böse Wetter erstickt. Nach dieser düsteren Prophezeiung endet die Erzählung von 1492, dem Jahr, als Kolumbus die Küste der Neuen Welt betrat. Mit dem beginnenden Kolonialismus aber erreichte die Vergewaltigung von mater terra eine neue Stufe.
Ulrich Grober kommt in seinem langen Artikel zu keiner Schlussfolgerung, er belässt es bei einem Hinweis auf die Parallele zum Film Avatar.
Wenn man sich über die historisch tiefen Wurzeln der Nachhaltigkeit wundert, darf meiner Ansicht nach aber ein Appell nicht fehlen.
Die Faszination für Bergbau und Bodenschätze, in jüngerer Zeit auch für die Petro- und Nuklear-Industrie hatte ihre historische Berechtigung. Wer aber heutzutage den Begriff Fortschritt verwendet, ohne die zivilisatorische Marschrichtung "Zukunftsfähigkeit" zu berücksichtigen, also eine langfristige ökologische und soziale Unbedenklichkeit, hat unabhängig von apokalyptischen Horrorvisionen Grund, sich vor mater terra zu fürchten.
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7. März 2010, Ulrich Grober, ZEIT online: Wem gehört die Erde?