Von Kindern und Chemikern
Wolfram Siebeck schildert in lakonischer Kürze die Geschichte des deutschen Bio-Booms und stellt pointiert formuliert fest, dass Gewissen ohne Qualität nicht läuft:
Kein wirklicher Feinschmecker hält einer Brot- oder Teesorte nur deshalb die Treue, weil bei ihrer Herstellung keine Kinder und keine Chemiker beteiligt waren.
Ich kaufe, also gestalte ich
Das vorherrschende Prinzip unserer fortgeschrittenen Gesellschaftsordnung lautet Arbeitsteilung.
Vom Bauern zum Agrarunternehmer
Ein Bauer ernährt nicht mehr nur seine Familie, sondern dutzende Personen. Die Grundlage seiner Arbeit sind nicht mehr Photosynthese und Wetter, sondern Maschinen. Statt es selbst zu produzieren, kauft er Futter und Saatgut. Doch nicht nur der Agrarunternehmer unterscheidet sich in seinen Strukturen und Arbeitsabläufen grundlegend von dem, was man landläufig für einen traditionellen Bauern hält.
Verteilte Verantwortung
Jeder Arbeitende in sämtlichen Branchen erfüllt seinen Teil der Produktionskette. Einen immer kleiner werdenden Teil. Diese Spezialisierung birgt einen Verlust von Übersicht. Komplexität ist das Stichwort, das allerorts ermüdend diskutiert wird.
Das Gegenstück zu dieser Spezialisierung sind Konsumprodukte, die aus so vielen Teilen bestehen, die an so vielen verschiedenen Orten produziert werden, dass sich die wenigsten Verkäufer noch mit ihren Produkten auskennen.
Das Portemonnaie als Mittelsmann
Doch dieser Artikel hat nicht den Wirtschaftskreislauf zum Thema, sondern Ethik. Dass man sich gegenüber den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung moralisch einwandfrei verhalten sollte, leuchtet ein. Doch in einer Welt, wo wir unaufhörlich die Verantwortung für die uns umgebenden Dinge an andere abgeben, weil wir nicht selbst produzieren, sondern nur konsumieren, muss sich die Ethik auf das Kaufverhalten ausdehnen! Die Ethik muss die Grenze des unmittelbaren eigenen Verhaltens überschreiten und auch dort berücksichtigt werden, wo wir nicht mehr persönlich, sondern über unser Portemonnaie als Mittelsmann mit den Dingen verbunden sind!
Unsere Kaufentscheidungen brauchen eine vierte Dimension.
Die vierte Dimension der Kaufentscheidung
Neben Preis, Qualität und Image eines Produkts müssen ethische Beweggründe in jede Kaufentscheidung einfließen!
Jemand hat ein Produkt für mich hergestellt, das ich kaufe. Ich bin indirekt verantwortlich für dieses Produkt. Indirekt, weil ich nicht selbst produziere, sondern jemanden bezahle, der für mich produziert. Wer ist dieser jemand, den ich bezahle? Was macht der sonst? Wäre ich der Produzent, könnte ich dann ethisch alles vertreten, was der tut?
Werte und Zukunft
Das ist die vierte Dimension der Kaufentscheidung. Die zwingend notwendige Anwendung der Ethik aufs Kaufverhalten. Von jedem Teilnehmer einer Gesellschaft mit Arbeitsteilung sollte sie berücksichtigt werden, sofern er oder sie ein Interesse an der Zukunft hat, sofern er für sich beansprucht, an Werte zu glauben.