Berufswunsch revisited
Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an meine Mails aus Kanada. Der Rubrik "Berufswunsch" soll dieser Eintrag zur Ehre gereichen, ich weiß nämlich immer noch nicht, was ich werden will.
Architekt?
Hampelmann, Tankwart oder Obsthändler?
Im Bereich der alternativen Lebensentwürfe würden mich der Weltenwanderer und der ewige Radreisende reizen, aber unmotorisiert.
Regisseur vielleicht, Kameramann auf keinen Fall.
Wer weiß, vielleicht scheiß ich auf alles und werde einfach Eremit.
Nur reich oder auch glücklich?
Das BIP ist ein Umsatz-Maßstab, indes kein Maßstab für Lebensqualität. Solange die Leute arm sind, ist natürlich jeder zusätzliche Umsatz ein Gewinn an Lebensqualität. Aber angesichts des Reichtums, den sehr viele von uns haben, hat zusätzlicher Umsatz nichts mehr mit Wohlergehen zu tun. Das heißt, wir brauchen einen besseren Maßstab dafür, was wir wollen. Wir sollten doch nicht nach einer Zielmarke segeln, die vor 100 Jahren richtig war – und heute falsch ist.
Sagt Ernst-Ulrich von Weizsäcker* in einem Interview auf utopia.de. Der Physiker, Biologe und Ex-Politiker schlägt in seinem Buch "Faktor fünf – Die Formel für nachhaltiges Wachstum" vor, eine künstliche Steigerung von Energiepreisen einzuführen, die sich an der Zunahme der Effizienz bei ihrer Nutzung orientiert.
Er plädiert für eine genügsamkeits- statt einer wachstumsorientierten Kultur, und illustriert dies mit einem erfrischend ungenierten Beispiel:
Franzosen investieren doppelt soviel Zeit und vermutlich auch Geld ins Essen wie die Amerikaner – und trotzdem gibt es in Frankreich praktisch keine Fettsucht, die in Amerika ungeheuer verbreitet ist. Da stellt sich die Frage: Wer hat mehr Lebensfreude und Lebensvergnügen?
*) Ja, verwandt mit Richard von Weizsäcker, Neffe von diesem
Dann ist es still
"Clarin"
Der Mensch ist aufrechte Erde.
Und wenn er sehr müde ist,
Sucht er Unterschlupf unter ihr.
Dann ist es still.
Atahualpa Yupanqui
Frei übersetzt aus dem Spanischen.
El hombre es Tierra que anda.
Y cuando se siente muy cansado,
busca refugio debajo de ella.
Entonces entra el silencio.
Silber und Öl
Ulrich Grober, Autor einer "Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit", gräbt in der ZEIT eine Erzählung aus dem 15. Jahrhundert aus, die vom Bergbau handelt und vom menschlichen Selbstverständnis bei der Nutzung von Ressourcen.
Ein "Bergmann" sieht sich einem Göttertribunal gegenübergestellt, vor dem er sich für das Eingreifen in die Natur rechtfertigt.
Damit kommt er durch. Es sei die »Bestimmung der Menschen«, so lautet die Urteilsbegründung der Götter, »dass sie die Berge durchwühlen«. Aber der Freispruch ist mit einer ernsten Warnung verbunden. Mater terra werde früher oder später zur Selbsthilfe greifen. Die Eindringlinge würden durch vielerlei Gefahren bedroht, ihre Leiber verschlungen, durch böse Wetter erstickt. Nach dieser düsteren Prophezeiung endet die Erzählung von 1492, dem Jahr, als Kolumbus die Küste der Neuen Welt betrat. Mit dem beginnenden Kolonialismus aber erreichte die Vergewaltigung von mater terra eine neue Stufe.
Ulrich Grober kommt in seinem langen Artikel zu keiner Schlussfolgerung, er belässt es bei einem Hinweis auf die Parallele zum Film Avatar.
Wenn man sich über die historisch tiefen Wurzeln der Nachhaltigkeit wundert, darf meiner Ansicht nach aber ein Appell nicht fehlen.
Die Faszination für Bergbau und Bodenschätze, in jüngerer Zeit auch für die Petro- und Nuklear-Industrie hatte ihre historische Berechtigung. Wer aber heutzutage den Begriff Fortschritt verwendet, ohne die zivilisatorische Marschrichtung "Zukunftsfähigkeit" zu berücksichtigen, also eine langfristige ökologische und soziale Unbedenklichkeit, hat unabhängig von apokalyptischen Horrorvisionen Grund, sich vor mater terra zu fürchten.
Link
7. März 2010, Ulrich Grober, ZEIT online: Wem gehört die Erde?
Die Verschwendung hat vier Buchstaben
Bin ich besonders pingelig, oder sind meine Zeitgenossen besonders ignorant?
Wenn das durchschnittliche Auto nur 2% der Energie, die die Zapfsäule reingurgelt, für die Fortbewegung des Insassen verwendet - Warum bin ich der einzige, der das so dermaßen hirnverbrannt findet, dass er es kaum fassen kann?
Man stelle sich vor, ein Architekt ließe eine Treppe bauen, auf der man 100 Schritte gehen muss, um zwei Stufen weiter zu kommen. "Ja, stimmt, effizient ist das nicht", würde der Architekt sagen, "aber die Treppe ist so schön und so bequem und so praktisch, und der Nachbar ist ganz neidisch auf die Treppe, und ich kann mit ihr eine Kiste Wasser holen und meine Lieblingsmusik hören, und im Winter ist es warm und im Sommer ist es kühl in der Treppe, und - " Zwei Prozent!
Arbeit, Faulheit, Produktivität
Wie glücklich macht eigentlich Arbeit in einer Gesellschaft, deren Betriebssystem auf Konkurrenz, Siege und Niederlagen setzt?
Fragt Goedart Palm im Telepolis-Artikel "Schöne neue Arbeitswelt". Er stellt noch weitere, schonungslose Fragen, die wohlüberlegt und ohne Blatt vor dem Mund darum kreisen, was Arbeit für die Wirtschaft leisten muss. Und dass diese Anforderungen in krassem Gegensatz zu den Versprechen stehen, die eine menschenfreundliche Arbeitswelt verkaufen.
Weitere Ausschnitte:
Die Zumutungen, immer neues Wissen in immer kürzeren Zeiten zu erfolgreichen Arbeitsroutinen werden zu lassen, sind ebenso zahlreich wie jene, in Betrieben zu arbeiten, die als krank machende Treibhäuser einer beschädigten Streit- und Hasskultur gelten dürfen, ohne dass der Lohn auch die zwingend notwendige Zusatzfunktion eines Schmerzensgeldes übernimmt.
"Herz" oder Herzersatzstoffe werden in Unternehmen schon seit vielen Jahren verabreicht, um die Arbeitsplätze zumindest in ihrer Papierform erträglicher zu gestalten. Schwerbehinderten- und Mobbing-Beauftragte, Eingliederungsmanagement, Mitarbeiterkonferenzen ohne Ende, Compliance-guides und verwandte Rezepturen werden aufgeboten, um den Eindruck zu kaschieren, hier ginge es um mehr als öde Maloche.
Unerträglich ist nicht das geläufige Lob von Arbeitseifer, Motivation und Selbstverantwortung per se, sondern die flächendeckende Projektion auf eine Wirtschafts- und Arbeitsgesellschaft, die in ihrem Betriebssystem auf Konkurrenz, Siege und Niederlagen gerichtet ist.
Stehen wir nicht längst vor einem kompletten Umbau, besser: Umbruch des Wirtschaftssystems und der Arbeitswelt (...), der konkrete Lebensumstände, Arbeit und Geldkreisläufe entkoppeln muss, um zu erträglicheren Konditionen zu kommen?
Link
20. Februar 2010, Goedart Palm, Telepolis: Schöne neue Arbeitswelt
Ey Paul, deine Vision ist keine!
Es ist das Schicksal vieler visionärer Ideen, dass lange kaum jemand an sie glaubt.
Lässt Paul van Son verlauten, Chef von Desertec, dem Mega-Solarstrom-Projekt, das in Nordafrika mit gigantischen Anlagen Strom für Europa produzieren will.
Und verschweigt dabei, dass vieles am Desertec-Konzept weit entfernt ist von den Visionen, die die erneuerbare Energie so reizvoll machen.
Keine Frage - zentrale Energieversorgung mit importiertem Solarstrom ist ein geringeres Übel als zentrale Energieversorgung aus importierten fossilen Energiequellen.
Aber all die zusätzlichen Probleme, die neben dem geringeren Schadstoffausstoß durch eine Umstellung auf erneuerbare Energien gelöst werden könnten, bleiben bei Desertec unangetastet:
Die Abkehr vom Oligopol weniger mächtiger Stromkonzerne. Wegen nicht mehr benötigter Energielieferungen eine weit geringere Abhängigkeit von Ländern, die gelinde ausgedrückt ein anderes Demokratieverständnis haben. Daraus könnte ein authentischerer Standpunkt Europas beim Einfordern der Menschenrechte folgen. Demokratischere Strukturen durch viele kleine Erzeuger-Genossenschaften statt weniger großer Anlagen. Schließlich die höhere Energieeffizienz durch Erzeugung der Energie dort, wo sie verbraucht wird.
Herzlich Willkommen
Komm raus, die Erde hat dich eingeladen. Du darfst bei ihr zu Gast sein, ein Leben lang. Aber bitte benimm dich. Lasse nichts mitgehen, sei höflich zu Tisch und bedanke dich beim Gastgeber für die Großzügigkeit.
Von Kindern und Chemikern
Wolfram Siebeck schildert in lakonischer Kürze die Geschichte des deutschen Bio-Booms und stellt pointiert formuliert fest, dass Gewissen ohne Qualität nicht läuft:
Kein wirklicher Feinschmecker hält einer Brot- oder Teesorte nur deshalb die Treue, weil bei ihrer Herstellung keine Kinder und keine Chemiker beteiligt waren.