verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

12Jul/100

Misión cumplida

Spanisch fließend, Pamplona-Experte, zweihundert neue Kontakte, sechs gute Kontakte fürs Leben, allgemeine Beliebtheit erlangt, zu lokaler Berühmtheit gebracht, alle Berge im Umland erklommen – Auftrag erfüllt, ich kann mich wieder aus dem Staub machen! Tschüss, Pamplona, war nett bei dir!

Die Bikes für die Rückfahrt und die verfeierte Erasmus-Runde in San Fermin-Outfit

Abschiedspicknick im Park: Die Bikes sind fit für die Rückfahrt, die verfeierte Erasmus-Runde nicht

1Jul/102

Das war’s

Und da schwinge ich mich in den Sattel, mit dem letzten Krams aus der Wohnung auf dem Gepäckträger, und ziehe von dannen. Ein letzter Blick zurück fällt auf Asier, meinen haarigen Mitbewohner, der rauchend in seinem Fenster steht und mir zuwinkt. Genau wie ganz am Anfang, als ich mit dem vollbepackten Fahrrad nach der Reise letzten Sommer über den Platz mit der Fontäne fuhr, um mein zukünftiges WG-Zimmer zu beziehen.
Fast ein Jahr, zwei Semester, ist das her. Seltsam emotionslos verlasse ich jetzt die Wohnung. Ein WG-Leben hatten wir nicht. Besonders individuell eingerichtet war es auch nicht, ein paar Fotos an der Wand. Besser so.
Auf zu neuen alten Ufern! Ich freue mich auf pampham, ich freu mich auf Hamburg, ich freu mich auf Wien!
Und in der Zwischenzeit lässt es sich ganz angenehm leben, in Daniels Finca, mit Swimmingpool und Ruhe.

21Jun/107

Von Schöpfern und Schwalben

Fieber haben ist wie bekifft sein. Man fühlt eine Kreativitätsexplosion in seinem Inneren, und man begnügt sich mit sich und dem Moment. Nur herrscht statt der kindischen Albernheit höchst erwachsene Introvertiertheit vor. Außerdem hat man stoned, eine verantwortungsvolle Dosis vorrausgesetzt, noch die Wahl - Zwischen Sessel, Bett oder anderen Orten, an die man sein Sein verlegen kann. Das Fieber limitiert diese Wahl. Doch behalten wir einen vorwärtsgerichteten Anspruch - Immerhin, mit etwas Glück, kann der Fieberpatient noch zwischen dem Bett, dem Wohnzimmer und der Liege auf der Terrasse wählen. Drei flexible Entscheidungsmöglichkeiten - Von so einem Fieberchen lassen wir uns doch nicht kleinkriegen.
Ich wähle, während meines mandelentzündeten Aufenthalts in einer Erasmus-WG in Granada, die Liege. Die Liege auf der Terrasse.

Gottes Gruß beim Schwalbenschwelgen

Auf der Terrasse kann man am hochsommerlichen Abendhimmel, zwischen der güldenen Kathedrale und den noch güldeneren Mauern der Alhambra, die wendigen Manöver und die galanten Bewegungen der schwarzen Schwalbenkonturen am Himmel verfolgen. Jedesmal, wenn eine Schwalbe einen geschickten Move unternimmt, um sich ein saftiges Insektchen zu catchen, darf man sich vom Schöpfer gegrüßt fühlen - für einen Augenblick tunkt er das schlichte Schwarz der Flügel in ein sattes Gold.

Buddhas Gnade

Wenn mich Buddha in einem Schwalbennest wiederauferstehen lässt, und ich mich nicht als ein Kuckuck entpuppe, werde ich nach Granada fliegen und mich am schlaraffigen, mehr oder weniger mückenschweren Himmel sattfressen. Ich werde denken - Dieser Kerl da, der da auf der Terrasse mit dem zerfetzten Sonnenschirm in seiner Liege lümmelt, der da eigentlich geistesabwesend aber doch ein bisschen neidisch, in den Himmel starrt, der soll einfach mal auf den Zehnmeterturm im Kaifu-Freibad Klettern. Seine besten Kumpels oder die Bademeister sollen ihm vom Fünfer, vom Dreier und vielleicht auch vom Einer ein paar Häppchen zuwerfen, die er in der Luft, ohne die Hände zu benutzen, 100% schlaraffig, mit seinem Mund auffängt. Da dem Kerl höchstwahrscheinlich kein Schnabelwachstum gelingen wird, auch nicht, wenn er vom Zehner springt, sondern ein paar empfindliche geschundene Zähne in seinem Maul stecken, werden als Mückenalternative Molekularküche und Kartoffelsuppe in Frage kommen.
Nach einem ausgeklügelten computergestützten System werden die besten Kumpels dieses Kerls die Kartoffelsuppe zugunsten der Molekularküche (offiziell wegen ihrer schlechten Kohäsionseigenschaften) für ungeeignet erklären. "Is Kacke," werden sie verlauten lassen.

3Jun/100

Proudly Presenting: Pamp-Ham-Bike!

In Anlehnung an all die Schlaglöcher, Steine, Buckel und Huckel, die unsere Federgabeln wegbügeln müssen, ein lautmalerisches Glanzstück aus der Schatztruhe der absurd-ironischen Namensprägung: Pamp-Ham-Bike.
Pamp.
Ham.
Bike (aka "Boink").
Am 10. Juli geht es aus Pamplona los, Sechs Wochen Mountainbike, 30.000 Höhenmeter. Soeben ist der Pamp-Ham-Bike-Blog online gegangen! A disfrutar!

Link

25May/100

Sommer

Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, das nach jedem Schuljahr stärker wurde. Überwältigende Erleichterung über die aufkommende Freiheit, getrübt von Verzweiflung über die Ratlosigkeit, wie, mit wem, wo und mit welchem coolen Verhalten diese Freiheit jetzt gleich gebührend gefeiert werden soll.

Schrieb ich letzten Sommer, als ich die jungen Leute in die Ferien ausbrechen sah.
Diesen Sommer, am heutigen Tage, habe ich die letzte Klausur des Semesters erfolgreich hinter mich gebracht und sehe bis Anfang Oktober keiner einzigen von aussen aufgedrückten Verpflichtung ins Auge.

9May/104

Wider dem psychologischen Vertragsbruch!

Meike Winnemuth spricht mir aus der Seele. In ihrem treffend betitelten Artikel "Re: " aus dem SZ-Magazin beschreibt sie den Sittenverfall beim Termineinhalten, der auf moderne Kommunikationsmittel zurückgeht.

13Mar/101

Prinzip Erasmushausparty

Eigentlich ist die Erasmus-Haus-Party vergleichbar mit jeder beliebigen häuslichen Studentenzusammenkunft. Allen voran Ziel und Zweck, kollektive Berauschung und Hemmnisverlust, sind ident. Die Organisationsstruktur besteht hier wie dort aus einem sich wiederholenden Muster, das beim bemitleidenswerten Individuum anfängt, das die Räumlichkeiten seiner Behausung zur Verfügung stellt.

Viernes, 21:00, Calle Esquiroz

Als nächter Schritt wird über Handykurznachricht, soziale Internetgemeinschaft und per direktem Kontakt die Herde über Zeit und Ort in Kenntnis gesetzt. Obwohl die Herde schon im Vorhinein weiß, wann sie sich zur Erasmushausparty begeben wird, und dass dieser Zeitpunkt in der Regel außerhalb der Ladenöffnungszeiten liegt, werden keine Vorkehrungen getroffen. Man geht mit leeren Händen aus dem Haus und hofft inbrünstig, einem China-Laden über den Weg zu laufen, der schlechten Wein für gutes Geld verkauft und wässriges Bier in 1L-Flaschen. Je nach Lust und Laune wird alternativ zu diesen, zum Standardprogramm gehörenden, alkoholischen Flüssigkeiten auch ein zucker- oder zuckerersatzstoffhaltiges Erfrischungsgetränk erworben. Dies wird später verwendet, um hochprozentige Alkoholika zu konsumieren, ohne hochprozentige Alkoholika zu schmecken.

"Quielles Bolsa?"

Die Gefäße für genannte Flüssigkeiten bestehen aus Einwegglas (Bier, Wein und Schnaps), Aluminium (Bier) oder aus PET-Kunststoff (Erfrischungsgetränke). Nach dem Bezahlen werden die Flaschen vom freundlichen Verkäufer, während er unter großen Mühen ein paar Worte spanesisch murmelt, für gewöhnlich in eine oder mehrere PE-Plastiktüten gewickelt.

Zwischen Hoffnung und Vorfreude

Mit diesen Plastiktüten geht man schließlich forschen Schrittes, in der verzweifelten Hoffnung, dass die dünnen Plastiktütenhenkel nicht reißen, zur Erasmushausparty, klingelt, hofft beim Warten auf das Surren des Türöffners, dass die Henkel nicht reißen, tritt ein, ruft den Fahrstuhl, hofft, dass die Henkel nicht reißen, fährt in den siebten Stock (Erasmushausparties finden in Pamplona seltsamerweise immer im dritten oder im siebten Stock statt), stolpert dem Herdenlärm folgend aus dem Fahrstuhl, hofft, dass die Henkel nicht reißen, geht in die Wohnung des bemitleidenswerten Gastgeber-Individuums, und stellt, von vielmündigen "Hola"-Rufen behindert, erleichtert die Plastiktüten auf den Tisch im Wohnzimmer.

Endlich! Die Herde! In gleißendem Licht

Dort sitzt in gleißendem Neonlicht ein Teil der Herde beisammen, bestückt mit allem, was der Haushalt so hergibt: Gläsern, Tassen, Bechern und Kännchen, und fängt schon mal an, sich die Kante zu geben. Wie Förster sitzen die stärkeren Erasmusstudenten auf ihrem Sofa-Hochsitz, während die schüchterneren wie Rehkitze auf dem Boden lümmeln, auf Augenhöhe mit dem Wald aus Einwegglas, Aluminium, PET-Kunststoff und PE-Plastik.
Entstammt der eintreffende Erasmusstudent der nördlichen Hemisphäre, belässt er es nach dem Tütenabstellen bei einem "Hola, todo el mundo!" und einem verlegenen Winken in die Runde. Eintreffende Erasmusstudenten der südlichen Hemisphäre wagen den Bein-Hindernis-Parcours und begrüßen jeden Einzelnen mit Küsschen, auch die Rehkitze. Die Italiener sind beim Begrüßen besonders gefährlich, denn sie wollen als einzige zuerst auf die linke, und dann erst auf die rechte Wange geküsst werden.

*Plärr Plärr* I

An normalen Erasmushauspartyabenden werden die Sinne nicht nur vom gleißenden Neonlicht der einzigen Deckenlampe betört, sondern auch vom Chartmusik-Geplärre aus hoffnungslos überforderten Notebook-Lautsprechern.
Doch kaum hat sich der eine oder andere Gast, der sich selbst für niveauvoll hält, über sich selbst gewundert - Früher ging einem der hundertfünfzigtausendste Remix der Seven Nation Army viel schneller auf die Eier - klingelt schon der erste Nachbar und droht mit der Bestellung der Ordnungshüter.

Die alte Ordnungshüter-Leier

Genau wie jede beliebige häusliche Studentenzusammenkunft wird die Erasmushausparty schließlich entweder plötzlich vom Eintreffen ebendieser Ordnungshüter beendet, oder zäh vom Zurneigegehen der Flüssigkeitsvorräte.

Keiner oder alle

Es lassen sich jedoch auch Partikularitäten der Erasmushausparty ausfindig machen. Die Zusammensetzung der Gäste beispielsweise lässt sich vom bemitleidenswerten Gastgeberindividuum kaum beeinflussen. Da ein Großteil der Herde eine lose Bindung zu ihr hat, und kein Grüppchen wirklich eingeschworen ist, heißt es: Keiner oder alle. Ich mit mir oder alle bei mir. Zwischen vier und vierzig Gästen klafft die Lücke des Unmöglichen. Entweder, oder.

*Plärr Plärr* II

Findet man bei gewöhnlichen häuslichen Studentenzusammenkünften dann und wann auch individuelle Wohnungseinrichtungen mit Flair, sensibel-intime Beleuchtungskonzepte oder geschmackvolle Musik aus vollmundigen Lautsprechern, so ist dies bei der Erasmushausparty, mangels liebevoller Gestaltungs-Hingabe ob der der kurzen Verweildauer in den Räumlichkeiten, kategorisch ausgeschlossen.
Ein weiterer Unterschied ist, dass sich in der Fremdsprache die linguistischen Gesetzmäßigkeiten umkehren. Mit zunehmendem Pegel spricht die Herde nicht, wie gewöhnlich, undeutlicher und zusammenhangslos, sondern immer fließender.
Der internationale Mob wird nicht nur beim Sprechen selbstbewusster. Er übernimmt mit der Zuverlässigkeit einer Atomuhr irgendwann die Regie über den Plärr-Laptop und es setzt sich eine akkustische youtube-Kollage durch: Mit dem Schlimmsten der neunziger, nuller und von heute.
Erasmus: Es lebe die Toleranz!

21Feb/105

Pamplona brutal

"Och nee, Txukinden, lieber nicht." Miguels vorgestrige Worte klingen mir noch in den Ohren. "In dem Laden war ich drei-mal, und drei-mal gab es eine Schlägerei."
Also sind wir vorgestern nicht ins Txukinden gegangen. Gestern - Neue Nacht, neues Glück - waren alle anderen Bars entweder hoffnungslos überfüllt oder hoffnungslos miserabel beschallt. Die achtköpfige Gruppe wagt sich, angeführt vom kiezerfahrenen kühnen Hamburger, ins Txukinden.
Swooooush
Kaum die Bar betreten, kaum den ersten Minimal-Beat vernommen, fliegt das erste Bierglas. Ich bin getroffen. Ich sinke zu Boden. Scherz. Ich bin getroffen. Aber es ist nur Bier, das Glas trifft die Wand. Upps. Der Barmann mit den kleinen Pupillen bedient unbeiirt die anderen, friedlichen Gäste, der DJ macht die Musik etwas lauter, und der Ausgang ist mit raufenden schimpfenden Assis versperrt.
Plötzlich sie.
Ihre Kleidung lässt Goaparty vermuten, ihr Verhalten Kickboxerfahrung. Die kleine Frau nimmt Anlauf und gibt drei männlichen Assis in kürzester Zeit Saures. Der Barmann ist so fassungslos, dass der Ernst der Lage nun auch durch seine kleinen Pupillen in sein Handlungszentrum vordringt. Er gibt dem DJ ein Zeichen, die Musik verstummt, der Ausgang ist immer noch unpassierbar.
Das kleinkriminelle Moralverständnis der Assis schreit nach Arenenwechsel: "A LA CALLE! A LA CALLE!" Assis und Anhang, circa zehn Leute, verlassen die Bar. Die friedlichen Gäste scharren mit den Füßen die Scherben zur Seite, der Barmann zapft ein Bier, der DJ dreht auf.
Wo waren wir stehengeblieben?

24Jan/103

Halbzeit

Freitag

Das virtuelle soziale Netzwerk, in dem neben allen anderen Austauschstudenten in zunehmendem Maße auch ich meine reale Zeit verbringe, segnet mich mit Stefanie. Stefanie kommt aus Frankreich. Sie ist eine der neuen Erasmusstudenten, die nur im zweiten Semester hier sind. Ich bin höflich, lade die neue ein, mit den alten auszugehen.
Die alten, heute eine zufällig weiblich dominierte Gruppe, sind schlecht drauf. Es ist durchgesickert, dass von den 30 neuen 24 weiblich sind.
Stefanie redet ununterbrochen. Ihre Euphorie für alles und jeden ist nicht zu bremsen.
Sie ist das Bindeglied zu einer Horde Süditaliener Süditalienerinnen.
Den ganzen Abend bin ich hochkonzentriert. Ich darf nicht auf die drauftreten, sie sind alle so klein.

Samstag

Dreh- und Angelpunkt meines Samstagabends sind die reale Couch und das virtuelle soziale Netzwerk. Fast gebe ich mich der durchdringenden Melancholie von Byte FM's Sendung "Spagat" hin.

Stefanie ruft an.

Nein, ich muss lernen.

Sie ist mit 10 neuen in der Altstadt.

Oh.

Sie ist das Bindeglied zu einer Horde Franzosen Französinnen und Amerikanern Amerikanerinnen. Ich, eigentlich fast ortsunkenntlicher Ausländer, führe die Gruppe an.
Diese eine schrammelige abgefuckt drogige Bar mit der baskischen Zielgruppe und den wummernden Beats, da wollte ich immer schon mal hin.
Ich finde mich zwischen psychedelischen Graffitis und Schwarzlicht, zwischen Rastamännern und Alkoholikern, zwischen tieffliegenden Lüftungsschächten und hochstapelden Rosenverkäufern, zwischen bekifften Schülern und besoffenen älteren Frauen mitten im stehenden Rauch auf der Tanzfläche wieder.
Es besteht kein Zweifel. Das ist schweißtreibend. Meine schwingenden Gliedmaßen zerschneiden den Rauch. Das ist nicht die Rettung des Abends, das ist die Rettung meines zweiten Semesters. Das ist göttlich. Das ist Extase.
Das ist pooca-Musik!

16Nov/091

Spain

Wieso ich zum zweiten Mal in drei Monaten mehr als eine Woche krank bin, trotz regelmäßigen Sports, guter Ernährung und genügenden Schlafs?
Ich wählte das Land, das in der englischen Schreibweise den Schmerz gepachtet hat.