Madrid-Granada: Sechs Begegnungen
Die Mutter
Zwei Spacken fragen mich, warum ich nicht den Bus nehme. Die 40 Minuten, die ich an Madrids Ausfallstrasse "Avenida de Andalucía" alle tankenden Fahrer anspreche, sind anstrengend. Ein junger Mann in getuntem Auto, der nach Westen fährt (Typ zwei der Feinde der Autostopper), will mich unbedingt mitnehmen. Ich schlage das Angebot höflich ab, es ist wirklich genau die falsche Richtung. Aber er stattet mich mit frischer Motivation aus. Eine freundliche Frau mit einem schüchternen Kind auf dem Rücksitz nimmt mich zur nächsten Tankstelle mit, die an der Autobahn liegt.
Der Rumäne
Nachdem ich mich auf dem Tankstellenklo gewaschen habe - Es ist Sommer in Madrid, der gewöhnliche Anhalter transpiriert - Gönne ich mir einen Orangensaft und frage in der Schlange an der Kasse nach freien Plätzen in Richtung Granada. Ein Rumäne, der seit acht Jahren in Spanien lebt, nimmt mich ein Stück mit, bis zur übernächsten Tanke. Seinem Vater wurde in den letzten Jahren der Körper und das Gesicht von Metastasen zerstört. Zur Behandlung brachte man ihn nach Deutschland. Vor Kurzem ist er endlich gestorben.
Deutschland, auch Spanien, das sind bessere Orte zum Leben. Man muss sich keine Sorgen machen, ob man sich am nächsten Tag noch das Essen leisten kann.
Die Anhalter
Zwei Polinnen und ein Bulgare chillen vor der Tanke und trinken ein Käffchen. Dass ihre Rucksäcke unter freiem Himmel neben dem Tisch liegen, und nicht in einem Kofferraum, schafft sofort eine Verbindung. Leidensgenossen. Mitkämpfer. Co-Idealisten. Sie sprechen kaum spanisch und ihr englisch ist radebrechend. Nach den obligatorischen zehn Minuten Reisegeschichten-Austauschs mache ich mich aus dem Staub. Langweilig.
José
Sein Blick ist sehr skeptisch. Der beleibte Typ mit den freundlichen Augen und dem schnittigen BMW ist irritiert von meiner Frage. Er geht erstmal zur Kasse, ohne zu antworten. Ich fasse das als Absage auf. Doch manchmal führt der Moment des Tankrechnung-Bezahlens zu einem Sinneswandel. Ich habe Glück. José nimmt sich ein Herz und lässt mich mitfahren, über Valdepenias, über Tembleque, bis nach Bailén, 120km vor Granada. Er arbeitet in der Kommunikationsbranche. Wie ich beim Nachfragen erfahre, heisst das Call-Center-Chef. Wir verstehen uns gut. Es ist eine besondere Fahrt - Statt sich beim fremden Mitfahrer auszuheulen, oder sich etwas von der Seele zu reden, wie üblich, interviewt mich dieser Fahrer - José will alles über diesen ungewöhnlichen Deutschen und sein Land wissen.
Kurz hinter Valdepenias, wo es nur Olivenbäume und Weinstöcke gibt, zeigt er nach Osten. "Hier hat meine Oma früher gewohnt, in dem Dorf dort". Der schüchterne Mann wird sentimental, ich spüre es zwischen den Sätzen. "Du, würde es dich stören, wenn wir einen kleinen Abstecher machen?"
Bei einem Bier und frittierten Tapas finden wir uns auf dem Dorfplatz wieder, neben der frisch renovierten Renaissance-Kirche von Torrenueva. Südamerikaner und Frauen mit Kopftuch prägen das Bild. Die obligatorischen tobenden Kinder mit den Fussbällen rücken das Spanien-Bild wieder zurecht.
Ja, in den Ferien sei er früher hier gewesen, als Kind. Die letzten zwanzig Jahre nicht mehr. Wir sprechen nicht viel, José und ich, in dem Dorf seiner Oma.
Die Prinzessinnen
José setzt mich ab, wir verabschieden uns herzlich. Das Mädchengekicher, das in meine Ohren dringt, verwirrt mich. Das klingt nach Kiez, das klingt nach Samstag Abend - Eine Autobahntankstelle, die klingt so nicht. Zwei Autos voller junger Frauen, bis auf die bemitleidenswerten Fahrerinnen deutlich angetrunken, sind auf dem Weg nach Granada. Dort haben sie ein Haus gemietet, um ein ganzes Wochenende lang ausgiebig den Junggesellenabschied von Paloma zu feiern. Doch, eine Autobahntankstelle klingt so. Mein Rucksack und mein Anhalter-Status inspiriert die Mädels, mich "Into" zu taufen, vom Film "Into the wild". Paloma fragt mich auf der Fahrt alle fünf Minuten, ob es mir gut ginge. Mir schon, denke ich - Ob hingegen ihr zarter Körper so einen Alkoholpegel aushält, bezweifle ich. Kaum habe ich das gedacht, kaum ist die CD mit so originellen Stücken wie "Sugar, Honey Honey", "Funky Time" und "I will survive" auf voller Pulle durchgelaufen, bittet Paloma nach einer Tüte und kotzt sich auf dem Beifahrersitz die Seele aus dem Leib.
Der Angetrunkene
Ich tausche mit den Mädels, in Granadas Vorort angekommen, Handynummern aus, verabschiede mich höflich und erklimme den nächsten Hügel. Mit Blick auf die erleuchtete Stadt schläft es sich sehr gut. Am nächsten Morgen folge ich einer Schotterpiste und frage einen parkenden Autofahrer nach den Weg nach Granada. "Immer geradeaus".
"He, warte, ich nehm dich mit!"
David ist dreissig, durchtrainiert und Damenschwarm. In der Disko habe er nie Probleme, sich eine aufzureissen, aber weisst du, Moritz, irgendwann sucht man mehr. Die Mutter deiner Kinder findest du nicht, in dem du ihr um fünf Uhr morgens an den Arsch fasst. Zigarette? Bierchen?
Erstaunlich konzentriert, erstaunlich umsichtig fährt er in die Stadt und lässt mich beim Rathaus raus. "Junge, geniess das Leben, und hat mich gefreut, dich kennenzulernen!" - "Danke, mich auch, Tschüss, David!"
Sommer
Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, das nach jedem Schuljahr stärker wurde. Überwältigende Erleichterung über die aufkommende Freiheit, getrübt von Verzweiflung über die Ratlosigkeit, wie, mit wem, wo und mit welchem coolen Verhalten diese Freiheit jetzt gleich gebührend gefeiert werden soll.
Schrieb ich letzten Sommer, als ich die jungen Leute in die Ferien ausbrechen sah.
Diesen Sommer, am heutigen Tage, habe ich die letzte Klausur des Semesters erfolgreich hinter mich gebracht und sehe bis Anfang Oktober keiner einzigen von aussen aufgedrückten Verpflichtung ins Auge.
Sicheres kleines Pamplona
Ich sitze im Subsuelo, dem dienstäglichen Stammlokal, und lausche den Wogen des Saxofons. Den Euphorie- und Ruhe-Wogen des Saxofons. Den Euphorie- und Ruhe-Wogen von Saxofon, Keyboard, Schlagzeug, Trompete, Bass und Gitarre. Ich lausche der improvisierten Klangharmonie der Jazz-Jamsession und denke: "Wie gut, dass Pamplona so klein ist. Wie gut, dass ich mir um meine Jacke keine Sorgen machen muss," die fünf Meter schräg hinter mir unbewacht unter zwei anderen Jacken auf einem Barhocker liegt.
Quietsch-Knarz
Die Karwoche in Südspanien. Die angsterregenden Kapuzenträger, die prunkvollen Marien- und Jesus-Throne, die zehntausend Menschen, die für die Prozessionen der Semana Santa auf die Straße gehen. Das sind die Bilder, die in Reiseführern und Nachrichten kolportiert werden.
Zwischen Weihrauch und Weingummi
Wenn man ein paar Tage vor Ort ist, fällt einem mehr auf.
Klettern oder Kratzen
Vier Partynächte in Barcelona kratzen an meinem Immunsystem. Kaum komme ich bei den Tschechen in Siurana an, spüre ich einen gereizten Hals. Siurana ist ein Naturparadies und ein begehrter Kletterer-Hotspot in der hintersten katalonischen Pampa, zwei Stunden südwestlich von Barcelona.
Den Hals nehme ich als Kollateralschaden für exzellente lange Nächte und anstrengend kurze Schlafpensi hin und verbringe lustige Tage in traumhafter Umgebung. Svenja und Verena fahren einen Tag nach meiner Ankunft ab, mit dem Auto. Verena ist nur kurz zu Besuch; auch Pamplona will erkundet werden. Die verrückten Tschechen schlafen zehn Tage draußen und klettern jeden Tag. Da will ich dabei sein.
Mein enzündeter Hals weitet sich aus auf die Nebenhöhlen, aber die chronisch vertraute Verstopfung der Atemwege haut mich nicht vom Hocker. Erst als es einen Tag lang durchgehend regnet und meine Stirn anfängt zu fiebern fasse ich den Entschluss, früher als geplant nach Pamplona zurückzukehren.
Eine Nacht unterm Fels später gehen die Tschechen nach einem herrlichen Frühstück in der Sonne zu ihrem Sektor und ich versuche mich darin, eines der spärlich gesäten Autos auf der kleinen Straße zum Stoppen zu bewegen.
Vier nette Fahrer und ein Altstadt-Besuch in Reus liegen zwischen mir und Zaragoza, einer Stadt, die nur noch knappe zwei Stunden von Pamplona entfernt ist. Weil es dunkel wird und mit Rücksicht auf die Gesundheit leiste ich mir eine Busfahrkarte. Beim Warten setze ich mich, nach vier Tagen in der Wildnis, optisch (und olfaktorisch?) so sehr von den anderen Reisenden ab, dass mich prompt die Exekutive kontrolliert.
Nichts verbrochen, gute Reise, Adiós.
Fotos folgen.
Fuera!
Selbst im kühlen Norden Spaniens, wo es im Winter schneit und kalt ist, wo es zwischen Oktober und Mai viel regnet, herrscht eine ausgeprägte Schönwetterkultur. Und wenn die Parks und Plätze von strömendem Regen dominiert werden, geht man halt ins Café, um mit Freunden, Nachbarn und Verwandten zu plauschen. Doch wehe, es wagt jemand, die trockene Idylle mit der Realität zu konfrontieren! Vom Kellner erhalte ich eine böse Zurechtweisung, als ich im Eingangsbereich des Cafés meine Regenjacke ausschüttele. "Fuera, no aquí!"
Zu Hause im Untergrund
Ein schlichter Briefumschlag liegt seit vorgestern in Pamplona auf dem Wohnzimmertisch. Oben aufgerissen. Daneben ein Ticket.
Zwei Freifahrten mit der Bahn, gültig bis 25. Oktober in allen Zügen. Von Pauli, der nach Österreich zurückgekehrt ist, bevor sein Spanien-Interrail-Ticket verbraucht war.
Das dank des freien Freitags lange Wochenende und dieses Dokument verpflichten.
Madrid, Barcelona, Valencia, Santiago de Compostella, Gibraltar? Kultur? Surfen? Party? Hauptstadt? Alles? Nichts?
Es regnet in Strömen. 15° in Pamplona. Neun weniger als in... - Wenn man doch alle Entscheidungen an die Wetterkarte abgeben könnte! Sonne, 24°, Meer, Flair und eine Direktverbindung nach Pamplona kann nur Barcelona.
So finde ich mich an einem Donnerstag Abend wieder in vom Tag noch warmen U-Bahn-Stationen. Die Anonymität und Weltläufigkeit der Großstadt zeigt sich in den gelassenen Blicken der vielen Menschen. Ich, der erklärte Frischluftfanatiker und Fahrradenthusiast, fühle mich in der dunklen, staubigen U-Bahn zwischen Sicherheitsleuten mit Schlagstöcken und Gängen voller Kommerzplakate wie zu Hause.