Sommer
Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, das nach jedem Schuljahr stärker wurde. Überwältigende Erleichterung über die aufkommende Freiheit, getrübt von Verzweiflung über die Ratlosigkeit, wie, mit wem, wo und mit welchem coolen Verhalten diese Freiheit jetzt gleich gebührend gefeiert werden soll.
Schrieb ich letzten Sommer, als ich die jungen Leute in die Ferien ausbrechen sah.
Diesen Sommer, am heutigen Tage, habe ich die letzte Klausur des Semesters erfolgreich hinter mich gebracht und sehe bis Anfang Oktober keiner einzigen von aussen aufgedrückten Verpflichtung ins Auge.
Märchenland
Sie sind Gestalten mit kleinen roten Augen, nie um eine dicke Selbstgedrehte im Mundwinkel verlegen. Sie raspeln sich mittags das Gemüse auf den Salatteller und tanzen abends ums Feuer. Sie hacken Baumstümpfe aus dem Boden, um die Beete zu erweitern, und sehen dabei aus wie die Männchen im "Siedler"-Computerspiel.
Überhaupt scheint das Leben in dem ehemals verlassenen, seit 14 Jahren besetzten Dorf wie aus einer anderen Zeit. Ein Teil der Steinhäuser besteht nur noch aus zugewachsenen Mauern. Diese Ruinen und die mit groben Steinen gepflasterten Wege strahlen einen so besonderen Charme aus, dass man die herbstlich bunten Wälder und Hügel, die sich als Naturschutzgebiet um das Dorf am Hang legen, als selbstverständlich hinnimmt, wenn man zum Plumpsklo stolpert.
Obskure Ruinengestalten
Normale Menschen stolpern unbeholfen über die kürbisgroßen Felsbrocken am Rande des Yesa-Stausees. Sie bleiben mit dem großen Zeh an Steinwällen hängen. Sie machen anstelle routinierter Schritte plötzliche Ausgleichsbewegungen und bespritzen mit diesen andere normale Menschen, die sich in den schwer nach Schwefel stinkenden, terrassenförmigen Wasserbecken im heißen Wasser sulen. Sie rutschen aus und stützen sich ab. Sie gehen stockend, sie krabbeln gebückt, sie robben auf Halbmast.
Er nicht
Nicht so der Schwingelgockel. Der Schwingelgockel verbringt sämtliche Wochenenden an den heißen Quellen und stolziert mit Geschick und Würde über noch so losen Untergrund. Kein Stein zu spitz, kein Tag zu kalt, um seine üppige Ausstattung glattrasiert zur Schau zu stellen. Eine blickdichte, gaff-freundliche Sonnenbrille auf den Augen, ein wasserdichtes Döschen mit dem Autoschlüssel um den Hals, wallende goldene Locken auf dem Kopf – sonst nichts.
Nur Haut. Zähe, braune, lederne, durchunddurchheißequellengestärkte Nudistenhaut. Er und sein Schwingel. Er, sein Schwingel und die heißen Quellen.
Kein Mülleimer
Die heißen Quellen sind ein Ort florierender Anarchie. Von der Landstraße führt eine unbeschilderte Abzweigung über eine steile Sandpiste runter zum See, die mehr Schlagloch als Weg ist. Keine Parkplatzgebühren, kein Eintritt, kein Geländer, kein Mülleimer, keine Laterne, kein Weg, keine Dusche, keine Toilette, keine Nichtschwimmerzone, kein Warnhinweis, keine Umkleidekabine.
Damals
Einst war dies eine kommerzielle Therme. Damals, bevor die Staumauer erhöht wurde und jeden Winter das Wasser alles unter sich begrub. Die heute noch erahnbaren alten Thermengebäude haben eine miserable Baus. Bei den wenigen noch intakten Mauerteilen von Bausubstanz zu sprechen, wäre hoffnungslos übertrieben.
Entspannen im Schlamm
In den 45° heißen Becken zwischen den malerischen Ruinen beherrscht Vielfalt die Szenerie. Man sonnt sich, massiert sich, knutscht, schläft, tadelt die tobenden Kinder, angelt nebenan, redet über Handyverträge oder über Automodelle. Die Verzweifelten schmieren sich mit dem lehmigen Schlick ein, vom dem man sich Verjüngung erhofft. Ganz schön irrational, wo doch alles an ihm, speziell sein Geruch, nach Verfall anmutet.
Erhaben im Dampf
Auch noch weit nach Mitternacht herrscht geschäftiges Treiben. Sektkorken fliegen, Jugendliche saufen, Männergruppen lachen, gleich- und ungleichgeschlechtliche Pärchen schmusen, Menschen kommen, andere stolpern oder trocknen sich ab.
Erhellt nicht nur der Mond, sondern auch ein Autoscheinwerfer Ruinen und Becken, gewinnt der Dampf optisch Gewicht. Vor Sternenhimmel und Mauerresten steigt er in Schwaden empor. Sein Anblick auf der Netzhaut und das heiße Wasser im Nacken hinterlassen ein Gefühl uneingeschränkter Erhabenheit.
Alles auf rot
Eine wahre Explosion. Dass man fünf Monate aufgestauter Geilheit nicht folgenlos in zwei Stunden ablassen kann, hätte ich mir denken können.
Das rote Mountainbike, das ich vor so langer Zeit zu einem Spottpreis von einem Wiener Versicherungsvertreter kaum gebraucht erworben habe, auf dessen Schaltauge-Lieferung ich seit Mai gewartet hatte, kam gestern endlich zum Einsatz.
Ein Masochist, wer so ein vollgefedertes Gerät in sein Zimmer stellt, ohne es benutzen zu können.
Ein Sadist, wer ein Fahrradzubehör-Versandhaus betreibt und die von den Kunden voll Vorfreude bestellte Ware nicht liefert.
Das Adrenalin bis zum Scheitel heizen Besuch Pauli und ich den San Cristobal hinunter. Von Pamplona Vorstadt führen acht Kilometer Straße rauf zu den Funktürmen und der Festung. 500 Höhenmeter. Runter kann man sich zwischen Asphaltschlaglöchern, Schotterwegen, Wanderwegen oder ausgetrockneten Bachbetten austoben. Pauli, der Studienkollege aus Wien, der Zehn-Meter-Brett-Rückwärts-Salto-Mann, der anderthalb-Tage-2500km-Autostopper und angehende Fernfahrer, lässt sich vom Billigbike meines Mitbewohners nicht beeindrucken und wählt die die schonungslose, steinige Bachbett-Variante. Von Bach kann eigentlich keine Rede sein. Rinnsal trifft es besser.
Als dieses auf die Straße mündet, bietet sich hinter einem Weg-Knick eine Gelegenheit für einen Sprung. Pauli will ihn als erstes nehmen, den Sprung. Ich krame mein aus drei Jahren zusammengetragenes BIKE-Magazin-Abonnement-Fahrtechnikwissen hervor und klugscheiße so lange über Landetechnik rum, bis Pauli mir den Vortritt lässt.
Anlauf, Kurve, Sprung, Landung, Beschleunigung, Angst – und alles falsch. Natürlich sollte man in dieser Situation nicht bremsen, natürlich erst recht nicht vorne. Ich werde mit der Gnadenlosigkeit von Physik und ein paar mit Steinen bestückten dornigen Grasbüscheln konfrontiert. Oh, hallo Boden, schön dich zu sehen, einmal linke Seite bitte.
Knöchel, Schienbein, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Rippe, Unterarm. Schöne parallele Krustenstriemen auf rosa Haut, blau-gelb-grün umrandet.
Steht mir eigentlich ganz gut.
Der authentische auf-die-Fresse-Style wirkt super auf Frauen und weckt anerkennende Sympathien bei Männern. Einzig die Partyabend-Inkompatiblität widerstrebt mir.
Damenvolleyball in der Glotze ist auch nicht schlecht.








