verzichtsverzicht Bewusst leben in Erasmustan

8Jul/103

Von Jungfrauen und Laufrädern

Der junge Titelsträger Lord Pabst führte ein unbeschwertes Leben. Tagein, tagaus verkehrte er mit den ansehnlichsten Damen, die der Hof zu bieten hatte, und flanierte kutschierend durch Güter und Landen.

Lord Pabst und die Hofdamen

Er wurde von jung und alt bewundert und beneidet. Der versammelte Hof kannte kein anderes Gesprächsthema als die Eskapaden seiner Exzellenz. Doch Lord Pabst war nicht der skrupellose Frauenheld, den man an dieser Stelle vermuten mag. Er hatte ein großes Herz.
Als ihm eines Tages eine Fee erschien, von der man nicht wusste, ob sie der hellen oder der dunklen Seite des Mondes verpflichtet war, verliefen all seine altbewährten Flirt-Taktiken im Sande. Diese Fee war so resistent gegen den Charme des Lords, dass ihm vor Verzweiflung ein flätiger Ausdruck über die Lippen rutschte.
Vor lauter Zorn über dieses unangemessene Verhalten verwandelte die Fee des Lords schöne Frauen in einen Haufen lästiges Gepäck.

Lord Pabst mit Gepäck

Der Lord war so überrascht über den plötzlichen Verlust seiner Kurzweil, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als den Ritt ins nördliche Exil zu wagen. So nahm er das lästige Gepäck und zog von dannen.
Und wenn er nicht den Führerschein verloren hat, so ist er noch heute auf dem Weg nach Hamburg.

19Jun/101480

Madrid-Granada: Sechs Begegnungen

Die Mutter

Zwei Spacken fragen mich, warum ich nicht den Bus nehme. Die 40 Minuten, die ich an Madrids Ausfallstrasse "Avenida de Andalucía" alle tankenden Fahrer anspreche, sind anstrengend. Ein junger Mann in getuntem Auto, der nach Westen fährt (Typ zwei der Feinde der Autostopper), will mich unbedingt mitnehmen. Ich schlage das Angebot höflich ab, es ist wirklich genau die falsche Richtung. Aber er stattet mich mit frischer Motivation aus. Eine freundliche Frau mit einem schüchternen Kind auf dem Rücksitz nimmt mich zur nächsten Tankstelle mit, die an der Autobahn liegt.

Der Rumäne

Nachdem ich mich auf dem Tankstellenklo gewaschen habe - Es ist Sommer in Madrid, der gewöhnliche Anhalter transpiriert - Gönne ich mir einen Orangensaft und frage in der Schlange an der Kasse nach freien Plätzen in Richtung Granada. Ein Rumäne, der seit acht Jahren in Spanien lebt, nimmt mich ein Stück mit, bis zur übernächsten Tanke. Seinem Vater wurde in den letzten Jahren der Körper und das Gesicht von Metastasen zerstört. Zur Behandlung brachte man ihn nach Deutschland. Vor Kurzem ist er endlich gestorben.
Deutschland, auch Spanien, das sind bessere Orte zum Leben. Man muss sich keine Sorgen machen, ob man sich am nächsten Tag noch das Essen leisten kann.

Die Anhalter

Zwei Polinnen und ein Bulgare chillen vor der Tanke und trinken ein Käffchen. Dass ihre Rucksäcke unter freiem Himmel neben dem Tisch liegen, und nicht in einem Kofferraum, schafft sofort eine Verbindung. Leidensgenossen. Mitkämpfer. Co-Idealisten. Sie sprechen kaum spanisch und ihr englisch ist radebrechend. Nach den obligatorischen zehn Minuten Reisegeschichten-Austauschs mache ich mich aus dem Staub. Langweilig.

José

Sein Blick ist sehr skeptisch. Der beleibte Typ mit den freundlichen Augen und dem schnittigen BMW ist irritiert von meiner Frage. Er geht erstmal zur Kasse, ohne zu antworten. Ich fasse das als Absage auf. Doch manchmal führt der Moment des Tankrechnung-Bezahlens zu einem Sinneswandel. Ich habe Glück. José nimmt sich ein Herz und lässt mich mitfahren, über Valdepenias, über Tembleque, bis nach Bailén, 120km vor Granada. Er arbeitet in der Kommunikationsbranche. Wie ich beim Nachfragen erfahre, heisst das Call-Center-Chef. Wir verstehen uns gut. Es ist eine besondere Fahrt - Statt sich beim fremden Mitfahrer auszuheulen, oder sich etwas von der Seele zu reden, wie üblich, interviewt mich dieser Fahrer - José will alles über diesen ungewöhnlichen Deutschen und sein Land wissen.
Kurz hinter Valdepenias, wo es nur Olivenbäume und Weinstöcke gibt, zeigt er nach Osten. "Hier hat meine Oma früher gewohnt, in dem Dorf dort". Der schüchterne Mann wird sentimental, ich spüre es zwischen den Sätzen. "Du, würde es dich stören, wenn wir einen kleinen Abstecher machen?"
Bei einem Bier und frittierten Tapas finden wir uns auf dem Dorfplatz wieder, neben der frisch renovierten Renaissance-Kirche von Torrenueva. Südamerikaner und Frauen mit Kopftuch prägen das Bild. Die obligatorischen tobenden Kinder mit den Fussbällen rücken das Spanien-Bild wieder zurecht.
Ja, in den Ferien sei er früher hier gewesen, als Kind. Die letzten zwanzig Jahre nicht mehr. Wir sprechen nicht viel, José und ich, in dem Dorf seiner Oma.

Die Prinzessinnen

José setzt mich ab, wir verabschieden uns herzlich. Das Mädchengekicher, das in meine Ohren dringt, verwirrt mich. Das klingt nach Kiez, das klingt nach Samstag Abend - Eine Autobahntankstelle, die klingt so nicht. Zwei Autos voller junger Frauen, bis auf die bemitleidenswerten Fahrerinnen deutlich angetrunken, sind auf dem Weg nach Granada. Dort haben sie ein Haus gemietet, um ein ganzes Wochenende lang ausgiebig den Junggesellenabschied von Paloma zu feiern. Doch, eine Autobahntankstelle klingt so. Mein Rucksack und mein Anhalter-Status inspiriert die Mädels, mich "Into" zu taufen, vom Film "Into the wild". Paloma fragt mich auf der Fahrt alle fünf Minuten, ob es mir gut ginge. Mir schon, denke ich - Ob hingegen ihr zarter Körper so einen Alkoholpegel aushält, bezweifle ich. Kaum habe ich das gedacht, kaum ist die CD mit so originellen Stücken wie "Sugar, Honey Honey", "Funky Time" und "I will survive" auf voller Pulle durchgelaufen, bittet Paloma nach einer Tüte und kotzt sich auf dem Beifahrersitz die Seele aus dem Leib.

Der Angetrunkene

Ich tausche mit den Mädels, in Granadas Vorort angekommen, Handynummern aus, verabschiede mich höflich und erklimme den nächsten Hügel. Mit Blick auf die erleuchtete Stadt schläft es sich sehr gut. Am nächsten Morgen folge ich einer Schotterpiste und frage einen parkenden Autofahrer nach den Weg nach Granada. "Immer geradeaus".
"He, warte, ich nehm dich mit!"
David ist dreissig, durchtrainiert und Damenschwarm. In der Disko habe er nie Probleme, sich eine aufzureissen, aber weisst du, Moritz, irgendwann sucht man mehr. Die Mutter deiner Kinder findest du nicht, in dem du ihr um fünf Uhr morgens an den Arsch fasst. Zigarette? Bierchen?
Erstaunlich konzentriert, erstaunlich umsichtig fährt er in die Stadt und lässt mich beim Rathaus raus. "Junge, geniess das Leben, und hat mich gefreut, dich kennenzulernen!" - "Danke, mich auch, Tschüss, David!"

12Jun/100

Schnell, schneller, am Langsamsten

Ivan Illich, Blogger auf der angenehm philosophisch angehauchten Plattform "52 Wege für den Wandel der Welt", hat einen herrlichen Artikel aus dem Jahr 1974 ausgegraben, der die Paradoxien automobiler Fortbewegung nüchtern vorrechnet. Eine These, die ich schon seit Langem vertrete: Beim Vergleich "schneller" mit "langsamen" Verkehrsmitteln sollte man auch die Zeit miteinbeziehen, die für die Pflege der Infrastruktur, für die Finanzierung und für die technische Instandhaltung benötigt wird.
Wie immer gewinnt das Fahrrad.

Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1600 Stunden auf, um sich 7500 Meilen fortzubewegen: das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde. In Ländern, in denen eine Transportindustrie fehlt, schaffen die Menschen dieselbe Geschwindigkeit und bewegen sich dabei, wohin sie wollen – und sie wenden für den Verkehr nicht 28%, sondern nur 3% bis 8% ihres gesellschaftlichen Zeitbudgets auf.

Link

9May/100

Autos wie Züge

Der erste Feldversuch vom CVIS verleiht der Vision, Autos untereinander elektronisch zu vernetzen, Aufschwung. CVIS steht für "Cooperative Infrastructure Vehicle Systems": Vernetzte Autos tauschen untereinander und mit vernetzten Straßen Daten aus.

Ohne Ampel, ohne Stau

Diese neue Infrastruktur könnte in mittlerer Zukunft Ampeln überflüssig machen und Staus vorbeugen. Viel interessanter finde ich aber die Kombination mit den Fahrer-Assistenz-Systemen. Ihr Ausbau könnte den Fahrer überflüssig machen.

26Mar/103

Offene Menschen: Yulian

"Nee, das lohnt sich, dann kommst du ein Stückchen weiter, und die Tanke ist wirklich sehr belebt, richtig viele LKW und so!"
Das Mädchen mit dem bunt bemalten Bus gehört zur zweiten Sorte Feind. Der erste Feind des Anhalters ist der, der es böse mit einem meint. Diese Sorte Feind ist sehr selten.
Der zweite Feind des Anhalters ist der, der es gut mit einem meint. Zu gut.

5Mar/1023

Die Verschwendung hat vier Buchstaben

Bin ich besonders pingelig, oder sind meine Zeitgenossen besonders ignorant?
Wenn das durchschnittliche Auto nur 2% der Energie, die die Zapfsäule reingurgelt, für die Fortbewegung des Insassen verwendet - Warum bin ich der einzige, der das so dermaßen hirnverbrannt findet, dass er es kaum fassen kann?
Man stelle sich vor, ein Architekt ließe eine Treppe bauen, auf der man 100 Schritte gehen muss, um zwei Stufen weiter zu kommen. "Ja, stimmt, effizient ist das nicht", würde der Architekt sagen, "aber die Treppe ist so schön und so bequem und so praktisch, und der Nachbar ist ganz neidisch auf die Treppe, und ich kann mit ihr eine Kiste Wasser holen und meine Lieblingsmusik hören, und im Winter ist es warm und im Sommer ist es kühl in der Treppe, und - " Zwei Prozent!

14Dec/091

Brumm Brumm

Harald Welzer, seines Zeichens erstens Mann und zweitens in den 1950ern geboren, (also, klar, Autofreak), erläutert in einem grandiosen Artikel in der ZEIT seine Beziehung zum Auto. Er spannt den Bogen von den Zwei- und Vierrädern seines Lebens zur Nachkriegsgeschichte der deutschen Mobilität und erklärt plausibel, warum, obwohl man es soviel besser weiß, noch ständig Auto gefahren wird.

"Seit ich mich mit Fragen des Klimawandels beschäftige, steht mir die Notwendigkeit eines radikalen Wandels unseres Lebensstils, und das heißt notwendigerweise auch und vor allem unserer Mobilitätskultur, glasklar vor Augen. In jeder Diskussion komme ich auf die Themen Energie, Emissionen und Mobilität zu sprechen (...)."
"Ich erinnere mich bis heute geradezu körperlich daran, auf dem Tank jener Adler gesessen zu haben und mich am metallisch glatten Lenker festgehalten zu haben, unter mir der vibrierende und lärmende Motor, der Geruch von Zweitaktgemisch, mein älterer Bruder auf dem Schwingsattel hinter meinem Vater. Meine Erinnerung an das Objekt ist weit intensiver als jene an den Vorgang des Fahrens, und wahrscheinlich ist hier die erste Spur jener fetischhaften Objektfixierung zu finden, die bis in meine Garage führt."
(...)
"Es gibt eine mir äußerst plausibel erscheinende Theorie, dass es das Auto und das Kino sind, die in modernen Gesellschaften die höchste Innovationskraft auslösen – beide machen die Loslösung vom Gegebenen möglich, beide erschließen Wunschwelten und Vorstellungsräume."
(...)
"Die Geschichte, die die Aufklärung erzählt, setzt auf der kognitiven und leider auch moralischen Ebene an und hat die wenig überzeugende Botschaft mitzuteilen, dass das Leben zwar weniger lustvoll, aber für künftige Generationen aussichtsreicher wäre, wenn man es veränderte. Deshalb kann man noch so viele Grenzen des Wachstums schreiben und sich wundern, dass die Entwicklung moderner Gesellschaften ihre Richtung nicht wechselt: weil wir uns in einer Geschichte befinden, die uns in den Begriffen von Fortschritt, Wettbewerb und Wachstum konstruiert. Bevor wir etwas gegen diese Geschichte einwenden können, hat sie uns immer schon erzählt."

Links