Misión cumplida
Spanisch fließend, Pamplona-Experte, zweihundert neue Kontakte, sechs gute Kontakte fürs Leben, allgemeine Beliebtheit erlangt, zu lokaler Berühmtheit gebracht, alle Berge im Umland erklommen – Auftrag erfüllt, ich kann mich wieder aus dem Staub machen! Tschüss, Pamplona, war nett bei dir!
Von Schöpfern und Schwalben
Fieber haben ist wie bekifft sein. Man fühlt eine Kreativitätsexplosion in seinem Inneren, und man begnügt sich mit sich und dem Moment. Nur herrscht statt der kindischen Albernheit höchst erwachsene Introvertiertheit vor. Außerdem hat man stoned, eine verantwortungsvolle Dosis vorrausgesetzt, noch die Wahl - Zwischen Sessel, Bett oder anderen Orten, an die man sein Sein verlegen kann. Das Fieber limitiert diese Wahl. Doch behalten wir einen vorwärtsgerichteten Anspruch - Immerhin, mit etwas Glück, kann der Fieberpatient noch zwischen dem Bett, dem Wohnzimmer und der Liege auf der Terrasse wählen. Drei flexible Entscheidungsmöglichkeiten - Von so einem Fieberchen lassen wir uns doch nicht kleinkriegen.
Ich wähle, während meines mandelentzündeten Aufenthalts in einer Erasmus-WG in Granada, die Liege. Die Liege auf der Terrasse.
Gottes Gruß beim Schwalbenschwelgen
Auf der Terrasse kann man am hochsommerlichen Abendhimmel, zwischen der güldenen Kathedrale und den noch güldeneren Mauern der Alhambra, die wendigen Manöver und die galanten Bewegungen der schwarzen Schwalbenkonturen am Himmel verfolgen. Jedesmal, wenn eine Schwalbe einen geschickten Move unternimmt, um sich ein saftiges Insektchen zu catchen, darf man sich vom Schöpfer gegrüßt fühlen - für einen Augenblick tunkt er das schlichte Schwarz der Flügel in ein sattes Gold.
Buddhas Gnade
Wenn mich Buddha in einem Schwalbennest wiederauferstehen lässt, und ich mich nicht als ein Kuckuck entpuppe, werde ich nach Granada fliegen und mich am schlaraffigen, mehr oder weniger mückenschweren Himmel sattfressen. Ich werde denken - Dieser Kerl da, der da auf der Terrasse mit dem zerfetzten Sonnenschirm in seiner Liege lümmelt, der da eigentlich geistesabwesend aber doch ein bisschen neidisch, in den Himmel starrt, der soll einfach mal auf den Zehnmeterturm im Kaifu-Freibad Klettern. Seine besten Kumpels oder die Bademeister sollen ihm vom Fünfer, vom Dreier und vielleicht auch vom Einer ein paar Häppchen zuwerfen, die er in der Luft, ohne die Hände zu benutzen, 100% schlaraffig, mit seinem Mund auffängt. Da dem Kerl höchstwahrscheinlich kein Schnabelwachstum gelingen wird, auch nicht, wenn er vom Zehner springt, sondern ein paar empfindliche geschundene Zähne in seinem Maul stecken, werden als Mückenalternative Molekularküche und Kartoffelsuppe in Frage kommen.
Nach einem ausgeklügelten computergestützten System werden die besten Kumpels dieses Kerls die Kartoffelsuppe zugunsten der Molekularküche (offiziell wegen ihrer schlechten Kohäsionseigenschaften) für ungeeignet erklären. "Is Kacke," werden sie verlauten lassen.
Karfreitag ungewaschen
Planlos durch Malaga, am Karfreitag Nachmittag. Wir suchen eine Unterkunft.
(Wem beim Zuhören langweilig wird, der konzentriere sich auf die Tröte)
Wir finden eine Unterkunft:
Hostal Costa Rica ist nur 50 Meter von der Route der Prozessionen entfernt und verwöhnt mit wohligem Ost-Charme:
- Die Türen quietschen, die Betten sowieso
- Die Tür des Gemeinschaftsklos hat kein Schloss
- Die Gäste haben keine Eddings, daher benutzen sie Feuerzeuge, um ihre Namen an die Spülkästen ranzuvandalieren, die man mit einer knotigen Plastikschnur bedient
- Lichtschalter und Blenden tragen Risse
- Dem Fenster fehlt der Griff
- Der Portier ist besoffen und spricht mit randvollem Mund
- Der Stil und die Bettüberdecke sind aus den 50ern
- Die Bettwäsche hat Brandlöcher
- In der Gemeinschaftsbadewanne friert man nicht, ihr Rand ist mit Schamhaaren isoliert
Hostal Costa Rica
Calle Córdoba, 5
E-29001 Málaga (Málaga - Centro) (Málaga)
Telefono: +34 952213577
Quietsch-Knarz
Die Karwoche in Südspanien. Die angsterregenden Kapuzenträger, die prunkvollen Marien- und Jesus-Throne, die zehntausend Menschen, die für die Prozessionen der Semana Santa auf die Straße gehen. Das sind die Bilder, die in Reiseführern und Nachrichten kolportiert werden.
Zwischen Weihrauch und Weingummi
Wenn man ein paar Tage vor Ort ist, fällt einem mehr auf.
Fernweh
Mein Sofa, der graue Tag, die geschwänzte Vorlesung vom Vormittag, die widerwillig bezahlte Strafe fürs rote-Ampel-Überqueren-mit-dem-Fahrrad, das Ausprobieren miserabler gratis-Filmschnittprogramme, die oberflächlichen Themen im Chat der zeitraubenden Onlinegemeinschaft, der dem Vernehmen nach exzellente Sex meines Mitbewohners im Nachbarzimmer, die dröge Stimme der Moderatorin vom Onlineradio, der nicht funktionierende Foto-Upload auf mofoto mittels Flash, der bedrückende Verlauf der Handlung im Buch, das ich lese - Wie sie mir alle auf den Sack gehen!!
Ab Freitag - Zwei Wochen Süden! Freiheit! Straße! Abwechslung!
Joder!
Halbzeit
Freitag
Das virtuelle soziale Netzwerk, in dem neben allen anderen Austauschstudenten in zunehmendem Maße auch ich meine reale Zeit verbringe, segnet mich mit Stefanie. Stefanie kommt aus Frankreich. Sie ist eine der neuen Erasmusstudenten, die nur im zweiten Semester hier sind. Ich bin höflich, lade die neue ein, mit den alten auszugehen.
Die alten, heute eine zufällig weiblich dominierte Gruppe, sind schlecht drauf. Es ist durchgesickert, dass von den 30 neuen 24 weiblich sind.
Stefanie redet ununterbrochen. Ihre Euphorie für alles und jeden ist nicht zu bremsen.
Sie ist das Bindeglied zu einer Horde Süditaliener Süditalienerinnen.
Den ganzen Abend bin ich hochkonzentriert. Ich darf nicht auf die drauftreten, sie sind alle so klein.
Samstag
Dreh- und Angelpunkt meines Samstagabends sind die reale Couch und das virtuelle soziale Netzwerk. Fast gebe ich mich der durchdringenden Melancholie von Byte FM's Sendung "Spagat" hin.
Stefanie ruft an.
Nein, ich muss lernen.
Sie ist mit 10 neuen in der Altstadt.
Oh.
Sie ist das Bindeglied zu einer Horde Franzosen Französinnen und Amerikanern Amerikanerinnen. Ich, eigentlich fast ortsunkenntlicher Ausländer, führe die Gruppe an.
Diese eine schrammelige abgefuckt drogige Bar mit der baskischen Zielgruppe und den wummernden Beats, da wollte ich immer schon mal hin.
Ich finde mich zwischen psychedelischen Graffitis und Schwarzlicht, zwischen Rastamännern und Alkoholikern, zwischen tieffliegenden Lüftungsschächten und hochstapelden Rosenverkäufern, zwischen bekifften Schülern und besoffenen älteren Frauen mitten im stehenden Rauch auf der Tanzfläche wieder.
Es besteht kein Zweifel. Das ist schweißtreibend. Meine schwingenden Gliedmaßen zerschneiden den Rauch. Das ist nicht die Rettung des Abends, das ist die Rettung meines zweiten Semesters. Das ist göttlich. Das ist Extase.
Das ist pooca-Musik!
Zu heiß für den Zusammenhang
Fünf Stunden lang, rekonstruiere ich später, plage ich mich in unterschiedlichen Intensitäten mit einer Aufgabe. Ich organisiere eine Bergtour, für die Wanderer und Mountainbiker im Freundeskreis. Von der Idee sind alle begeistert.
Wo wird mittags gerastet? Wann? Auf welcher Höhe, an welcher Stelle? Jede für sinnvoll gehaltene Idee stößt auf einen lauten Einwand von einem potentiellen Beteiligten. Vor meinem geistigen Auge entstehen farbige Strecken, die sich überlagern wie Wattwurmhaufen. Das könnte eine Lösung sein. „Nein, du Idiot!“ Dies sieht doch gut aus. „Wie soll das denn gehen?“ Jetzt hab ich's. „Denk an uns Wanderer, du Ignorant!“ Aber jetzt. „Viel zu leicht, ich komm nicht mit!“ „Du schaffst das nicht!“ „Vorhin war's besser.“ „Warst du überhaupt schonmal in den Bergen?“ „Für ein Picknick zahl ich nicht!“ „Wehe es gibt nichts zu essen!“ „Die Südostseite ist viel schöner!“ „Ich fahr doch Mountainbike.“ „Vergiss es, du hast neulich schon alles verkackt!“
Um viertel nach vier am Nachmittag entlässt mich der Tag schweißgebadet aus einer langen Fiebernacht.
Verschollene Becher
Einen Wasserkocher gibt es in der sonst großzügig möblierten Wohnung nicht. Eine Thermoskanne auch nicht. Flohmärkte habe ich noch keine entdeckt.
Teekochen also auf dem Herd. Nach zwei bis drei gemächlich getrunkenen Bechern ist der Topf kalt. Bei 850 Watt braucht ein Becher Tee in der Mikrowelle nur anderthalb Minuten zum Heißwerden. Ein Wunder der Technik.
Ich schluffe in die Küche und suche meinen Becher. Auf dem Tisch nicht. Neben dem Herd nicht. Neben der Spüle nicht. Im Wohnzimmer nicht. Ich nehme gegen alle Vernunft einen frischen Becher (Steigerung der abzuwaschenden Menge), fülle mir kalten Tee ein, öffne die Mikrowelle – und finde einen heißen Tee.
Bedrohliche Häuser
Die spitzen Dachwinkel, die nassen Ziegel und die dunklen, abgenutzen Farben der Fassaden der Nachbarhäuser wirken bedrohlich. Ich setze mich aufs Sofa und schmeiß mir eine Pille ein.
Küche und Wohnzimmer strotzen vor Krümeln, Fettspritzern und Saftflecken. Ich putze fieberhaft.
Der Wind rüttelt am Haus. Der Regen klatscht ans Küchenfenster wie mein Gehirn an die Schädelwand.
Die Pille wirkt, ich bekomme drei Stunden nach dem Aufstehen abends langsam Hunger. Die Küche sieht scheiße aus.
Erholsame Bäder
Ich putze die Chinesenbadewanne. Ich schmeiße eine viertel Packung getrocknete Kamillenblüten in die Wanne, lasse eine gefühlte Ewigkeit lang heißes Wasser ein und dann mich. Die Knie am Kinn, einen Obstteller am Ohr kommt die Sonne raus. Ich fühle mich wohl wie ein Kind. Ich schäle die Orange und lasse die Schale ins Wasser plumpsen. Hurra, ich bin krank, ich darf alles. Das Schalenboot schippert sicher durchs Bermudadreieck, umkurvt gekonnt den gefährlichen Schniedeleisberg und legt hinter dem herrlichen Blick aufs Kniegebirge im Überlaufschutz-Tiefwannenhafen an.
Acht von zehn köstlichen Orangenstücken verspiesen, piekst etwas meinen rechten Arm. Nichts zu erkennen. Es piekst meinen linken Arm und meine Brust. Es brennt wie ganz früher die Sonnenallergie im Skiurlaub. Das ist ein Scherz – Mein Körper rebelliert gegen Bioorangenschalenboote.
Dreckige Socken
In meinem Zimmer türmen sich aggressive Gegenstände. Das Fahrrad mit dem brachialen Viergelenker-Hinterbau und den rauhen Matschkrusten nimmt den dominantesten Platz ein in der Loge der Unfriedenstifter. Neben ihm der ungeordnete Zettelstapel mit den fiesen Kanten, der Mülleimer mit den anarchistisch überquillenden benutzten Taschentüchern, die knittrigen Landkarten und die dunkle, vom Fußboden aus die Weltherrschaft planende dreckige Wäsche.
Reißende Fluten
Ich mache einen Spaziergang. Der Park in der Nähe bietet den Blick auf ein Tal feil. Im Tal ein Fluss. Ein gigantischer Strom. Ein reißendes braunes grollendes treibgutverteilendes Ungeheuer.
